ErnÀhrung bei Prostatakrebs

Prostatakrebs: Weniger ist mehr.

Lebensweisheiten und evidenzbasierte Maßnahmen zur ErnĂ€hrung und Lebensweise bei Prostatakrebs

Im Gegensatz zur modernen Medizin, in der sich das Wissen explosionsartig vermehrt und leider zuweilen aus einem vermeintlichen „Goldstandard“ innerhalb eines Jahrzehnts ein Kunstfehler wird, gibt es Grundregeln, die als Kompass durch den Dschungel der vielfĂ€ltigen ErnĂ€hrungsratschlĂ€ge und Modetrends dienen können. An dem, was sich seit Jahr­tau­sen­den bewĂ€hrt hat und die Jahrtausende ĂŒberdauert hat, ist oft viel Wahres dran.

In allen Weisheitslehren und Religionen der Weltgeschichte galten MĂ€ĂŸigung und das rechte Maß als Weg­weiser durch die Herausforderungen und Extreme des Lebens und der Modetrends. Die „aurea mediocritas“, die goldene Mitte, also das richtige Maß zwischen dem Zuviel und Zuwenig, galt als SchlĂŒssel zu GlĂŒck und Gesundheit. Freilich fanden die Römer dieses Maß nicht, sondern versanken in Maßlosigkeit und Dekadenz. Einzigartig ist jedoch, dass die Maßlosigkeit heute schon fast als Ideal gilt. Es ist ein bisher einzig­artiges Experiment, dass die Welt zunehmend kollektiv der Maßlosigkeit entgegenstrebt. „The American Way of Life“ wird systematisch globalisiert. In Bezug auf die ErnĂ€hrung und auf Zivilisationserkrankungen ist dies nachweislich eine epidemiologische Katastrophe – ganz zu schweigen vom Effekt auf Umwelt, Nachwelt und Tiere.

Asien ist bis heute von den Lehren Buddhas, Laotses und Konfuzius‘ geprĂ€gt. Buddha lehrte letztlich den Mittleren Weg als Ideal. In der bedeutendsten Weisheitsschrift Indiens, der Bhagavad-Gita, sagt Krischna: „Wer Yoga praktiziert und im Essen, im Schlaf, in der Arbeit und in der Erholung maßvoll ist, kann alle materiellen Leiden lindern.“ Auch im Zentrum der Mönchs­regel des Heiligen Benedikt stand das Streben nach discretio, dem rechten Maß.

Diese alten Weisheiten reflektieren hĂ€ufig auch die Schlussfolgerungen von seriöser ErnĂ€hrungs­wissenschaft und Medizin. Denn das richtige Maß ist nicht nur entscheidend fĂŒr eine gesunde Lebensweise, sondern auch fĂŒr die Therapie des Arztes. Nicht selten gilt: Weniger ist oft mehr. Insgesamt ist die heutige westliche Lebenseinstellung geprĂ€gt von: je mehr, desto besser. Dies trifft auf alle Lebensbereiche zu und spiegelt sich insbesondere auch im Körpergewicht wider.

Schon Hippokrates empfahl: „Eure Lebensmittel sollen Eure Heilmittel sein und Eure Heilmittel sollen Eure Lebensmittel sein.“ Die ErnĂ€hrung spielt offensichtlich eine zentrale Rolle fĂŒr unsere Gesundheit. Wer Maß hĂ€lt – gewollt oder ungewollt –, hat die besten Voraussetzungen dafĂŒr, gesund alt zu werden und hat geringe Aufwendungen zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit. Das zeigt sich insbesondere weltweit, wenn man die vielen Millionen aktiver Greise in China und die langlebigen Menschen in Okinawa mit den MĂ€nnern in Uruguay vergleicht, die nach unserem VerstĂ€ndnis „sehr gut“ gelebt haben. Uruguay gilt aufgrund seines seit vielen Jahrzehnten bestehenden, relativ stabilen Wohlstands als die Schweiz SĂŒdamerikas. 

Warum versterben MÀnner in Uruguay 13-mal öfter an Prostatakrebs als Chinesen?

Im Vergleich zu Chinesen, ThailĂ€ndern und Vietnamesen versterben MĂ€nner in Uruguay 13-mal und Deutsche 6-mal hĂ€ufiger an Prostatakrebs (s. Tabelle; Ferlay et al., 2010). 

Sehr interessant sind auch die Zahlen fĂŒr die Schweiz, Schweden und Norwegen, die jahrzehntelang fĂŒhrend im Konsum von Milchprodukten, Fleisch und Zucker waren. Im Jahr 2000 war die altersstandardisierte Prostatakrebssterblichkeit mit 27 TodesfĂ€llen pro 100.000 MĂ€nner in allen drei europĂ€ischen LĂ€ndern 27-mal höher als in China (1 pro 100.000), 19-mal höher als in Vietnam (1,4 pro 100.000), 13,5-mal höher als in SĂŒdkorea (2 pro 100.000), 10-mal höher als in Thailand (2,65 pro 100.000) und immerhin noch 5-mal höher als in Japan (5,47 pro 100.000) (Ferlay et al., 2000).

Angesichts dieser Zahlen drĂ€ngt sich die Frage auf: Ist die Entwicklung eines Prostatakarzinoms das Ergebnis von Genetik, Schicksal oder vor allem eines lebenslangen ErnĂ€hrungsmusters? Dieser Artikel soll die These untermauern, dass die lebenslange ErnĂ€hrungs- und Lebensweise die maßgeblichen Faktoren bei der Entwicklung des Prostatakarzinoms sind. Entscheidend ist hierbei nicht nur, was Prostatakrebskranke die letzten Jahre vor ihrer Erkrankung gegessen haben, sondern vielmehr ihr lebenslang praktiziertes ErnĂ€hrungsmuster, das zur Entwicklung des Karzinoms beigetragen hat.

GrundverstÀndnis der Tumorentstehung

Das klassische Dreistufenmodell beschreibt die Tumorentwicklung in den Abschnitten (Tumor-)Initiation, Promotion und Progression. Bei der Tumorinitiation, dem ersten Schritt der Kanzerogenese, erfĂ€hrt die Zelle eine durch ein Kanzerogen ausgelöste Mutation. Diese kann nur dann persistieren, wenn sie nicht durch DNA-Reparaturenzyme beseitigt wird oder die Zelle nicht in die Apoptose (programmierter Zelltod) getrieben wird. Durch eine Initia­tion verĂ€nderte Zellen reagieren auf Tumorpromotoren (z. B. aus der ErnĂ€hrung) in deutlich stĂ€rkerem Maße mit Proliferation als normale Zellen des gleichen Gewebes. In der Promo­tionsphase erfahren die initiierten Zellen ĂŒber Jahre oder Jahrzehnte hinweg einen Wachstumsstimulus durch klonale Amplifikation und Selektion (Bildung prĂ€neoplastischer Zell­populationen mit identischen Mutationen), Steigerung des Zellwachstums, Hemmung der Apoptose und Interaktion mit Signaltransduktionsprozessen (z. B. infolge von Inflamma­tion). Die prĂ€malignen VorlĂ€ufer des Prostatakarzinoms werden unter dem Begriff „prostatische intraepitheliale Neoplasie" (PIN) zusammengefasst (Foster et al., 2000). Autopsiestudien zufolge geht eine HGPIN (hochgradige prostatische intraepitheliale Neoplasie, VorlĂ€ufer des Prostatakarzinoms) dem Auftreten eines Prostatakarzinoms um etwa 10 Jahre voraus (Wu et al., 2004a).

Im Laufe des Lebens können sich betrĂ€chtliche Mengen an Kanzerogenen in der Prostata ansammeln. Hierzu zĂ€hlen klassische Kanzerogene wie heterozyklische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die beim Braten, Schmoren oder Grillen von Fleisch auftreten, sowie exogene, östrogen wirksame Substanzen (Endocrine Disrupting Chemicals) wie z. B. PCB (Polychlorierte Biphenyle), Phthalate (verbreitete Weichmacher aus Kunststoff), Bisphenol A, etc. Diese wirken einerseits direkt kanzerogen, andererseits fördern sie die Zellproliferation durch ihre östrogene Wirkung. Auch Metalle wie Kupfer, Nickel und Eisen wirken proinflammatorisch, prooxidativ und auf diese Weise prokanzerogen.

Das androgenabhĂ€ngige Prostatakarzinom hat paradoxerweise seine höchste Inzidenz zu dem Zeitpunkt im Leben des Mannes, an dem der Androgeneinfluss am niedrigsten und der Östrogeneinfluss am höchsten ist. Dies weist auf die besondere Bedeutung der Östrogene in der Kanzerogenese des Prostatakarzinoms hin. Mit dem Alter nehmen auch die Konzen­trationen der Östrogene zu, die den Östrogenrezeptor- (ER-)alpha aktivieren, wĂ€hrend die Spiegel der typischen ER-beta-Agonisten (3-beta-Adiol, DHEA) abnehmen. Sojaisoflavone und Granatapfel-Polyphenole wirken u. a. protektiv, weil sie den protektiven ER-beta aktivieren und den ER-alpha blockieren (Jacob, 2008a). Besonders die fermentativen Abbauprodukte der Granatapfel-Polyphenole wirken schon bei sehr niedrigen Konzentrationen antiöstrogen und antiproliferativ (Larrosa et al., 2006).

Hormone (Androgene, Östrogene), EntzĂŒndungsprozesse und freie Radikale spielen als Promotoren des Prostatakarzinoms eine tragende Rolle. Der Vergleich der weltweiten ErnĂ€hrungsmuster unterstreicht auch die zentrale Rolle der ErnĂ€hrung (s. u.).

Die Progression eines benignen Tumors (d. h. der prĂ€neoplastischen LĂ€sion) zum malignen (d. h. invasiven und metastasierenden) Tumor stellt die dritte Phase der Tumorentwicklung dar. Die FĂ€higkeit des Tumors zur Invasion und Metastasierung ist entscheidend fĂŒr das Ausmaß der MorbiditĂ€t und MortalitĂ€t von Tumorpatienten (Marquardt und Pfau, 2004). Insbesondere beim Prostatakrebs unterscheiden sich die Karzinome sehr stark in ihrer AggressivitĂ€t und Prognose.

Durch ihre FĂ€higkeit der unbegrenzten Selbsterneuerung und Apoptoseresistenz kommt Krebsstammzellen bei der Tumorentwicklung eine zentrale Rolle zu, die bisher unterschĂ€tzt wurde. Die Nische („microenvironment“) nimmt entscheidenden Einfluss auf die Krebsentwicklung. Dieses relativ neue Konzept weist viele Parallelen zu dem Konzept von Tumormilieu und Grundsubstanz auf, das aus den Arbeiten von Pischinger und Heine (2004) bekannt ist. Behandlungsverfahren, die gezielt gegen Tumorstammzellen gerichtet sind, können die eigentliche Saat der Krankheit zerstören, wĂ€hrend eine Therapie des Tumormilieus noch weiter geht und dem Tumor den Wachstumsboden entzieht. Bei der UnkrautbekĂ€mpfung nĂŒtzt es wenig, den Rasen zu mĂ€hen (so die Wirkungsweise herkömmlicher Chemotherapien, welche zwar Tumorzellen töten, aber nicht die Tumorstammzellen). Es ist hilfreicher, die NĂ€hrstoffzusammensetzung des Bodens so zu gestalten, dass vor allem die NutzkrĂ€uter und nicht die UnkrĂ€uter gedeihen, und gleichzeitig mit Naturstoffen die Ausbreitung von UnkrĂ€utern und SchĂ€dlingen einzudĂ€mmen. Diesen prĂ€ventiven Effekt erzielt in etwa eine pflanzenbasierte ErnĂ€hrungsweise, die reich an sekundĂ€ren Pflanzenstoffen mit Antikrebswirkung ist (s. Abb.).

 

Tumornische

 

Einflussfaktoren auf die Entstehung eines fĂŒr die Tumorentwicklung gĂŒnstigen Milieus

Mit einfachen Worten ausgedrĂŒckt: Die Tumorsaat entsteht immer und in jedem Körper, weil Zellen unter dem Einfluss endogener und exogener Karzinogene permanent entarten. Entscheidend fĂŒr die Entstehung eines tödlichen Tumors ist daher der NĂ€hrboden, in dem er sich entwickelt. Hierbei spielt die ErnĂ€hrung eine zentrale Rolle, weil sie nicht nur wesentlichen Einfluss auf unseren Hormonhaushalt (Geschlechtshormone, Stoffwechselhormone wie Insulin und Wachstumsfaktoren), unser Körpergewicht und unser Körpermilieu nimmt, sondern auch spezifische Schutz- oder Schadstoffe mit sich bringt. Daher empfahl Hippokrates ganz korrekt: „Eure Lebensmittel sollen Eure Heilmittel sein und Eure Heilmittel sollen Eure Lebensmittel sein.“

 

Belege aus der ganzen Welt

Weltweit korreliert das westliche ErnĂ€hrungsmuster mit vielen Fleisch- und Milchprodukten sowie viel Zucker durchweg mit einer hohen ProstatakrebsmortalitĂ€t, wĂ€hrend das asiatische ErnĂ€hrungsmuster auf Basis von Reis, Sojabohnen und GemĂŒse mit einer sehr niedrigen MortalitĂ€t einhergeht (s. Tabelle).

Traditionelle ErnÀhrung in Okinawa

Die ErnĂ€hrungsweise in asiatischen LĂ€ndern war ursprĂŒnglich sehr arm an tierischem Protein aus Milch und Fleisch. Die Bewohner von Okinawa stellten lange Zeit die langlebigste Population der Welt dar. Traditionell (1949) verzehrten sie pro Tag 15 g Fisch, nur 3 g Fleisch und so gut wie keine Milchprodukte (Willcox et al., 2007). Dementsprechend lag der Wert fĂŒr die Proteinaufnahme aus tierischen Lebensmitteln bei lediglich 3,3 g pro Tag, die Proteinzufuhr aus pflanzlichen Lebensmitteln betrug dagegen 35,7 g. Das pflanzliche Protein stammte zu einem großen Teil aus Sojabohnen, die große Mengen an Isoflavonen enthalten. Isoflavone tragen aufgrund ihrer phytoöstrogenen Wirkung zum Schutz vor Prostatakrebs und Brustkrebs bei. Dennoch kann dies alleine die extrem niedrige Krebsrate nicht erklĂ€ren. Wesentliche Merkmale der Okinawa-ErnĂ€hrung waren immer auch reichlich GemĂŒse, SĂŒĂŸkartoffeln (Carotinoide), Tofu (Isoflavone), KrĂ€uter, GewĂŒrze (z. B. Kurkuma mit Curcumin) und GrĂŒntee (Polyphenole wie z. B. Catechine) sowie insgesamt eine ErnĂ€hrung mit einer relativ geringen Gesamtenergieaufnahme (Kalorienrestriktion), hoher Vitalstoff- und niedriger Kaloriendichte (Willcox et al., 2007). Mitte der 1990er Jahre war die absolute, nicht altersstandardisierte ProstatakrebsmortalitĂ€t fĂŒr Japaner (8/100.000) ĂŒbrigens doppelt so hoch wie fĂŒr die MĂ€nner auf Okinawa (4/100.000), obwohl diese Ă€lter wurden (Japan Ministry of Health and Welfare 1996, www.okicent.org). Okinawa liegt nĂ€her bei China und Taiwan als bei Japan – und dies gilt auch kulturell. Erst 1872 fiel es politisch Japan zu.

Traditionelle ErnÀhrung in China

Auch in China wurden traditionell wenig Fisch und Fleisch sowie praktisch keine Milchprodukte konsumiert. Der Verzehr von Fleisch ist jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch um mehr als das 14-Fache angestiegen, betrĂ€gt aber immer noch nur etwa die HĂ€lfte des westlichen Niveaus (Brown, 2009). Nach wie vor werden wenig Milchprodukte verzehrt, auch wenn der Trend neuerdings stark steigend ist. Der Fischkonsum hat sich seit den 1990er Jahren in etwa vervierfacht. Allem Anschein nach folgt China mit einigen Jahrzehnten Verzögerung dem Beispiel Japans, dessen Verwestlichung in den 1960er Jahren begann und dessen ProstatakrebsmortalitĂ€t im Jahr 2008 altersstandardisiert um 150 % höher lag als in China, Vietnam oder Thailand (Ferlay et al., 2010). Allerdings erfolgt die Verwestlichung Chinas schneller und intensiver als in Japan, was sich bereits in rapide steigenden Zahlen fĂŒr Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Ă€ußert. Die altersstandardisierte ProstatakrebsmortalitĂ€t ist in China seit 2000 bereits um 80 % gestiegen (Ferlay et al., 2000 und 2010).

Traditionelle ErnÀhrung in Japan

The Cambridge World History of Food (2000) berichtet, dass Japan auf eine sehr alte ErnĂ€hrungskultur ohne Fleisch- und Milchprodukte zurĂŒckblickt. Von 675 n. Chr. bis in das 15. Jahrhundert war das Essen von SĂ€ugetieren weitestgehend staatlich verboten – man nahm die Gewaltlosigkeit der buddhistischen Lehre ernst. Daher gab es auch keine Tierzucht. Milchprodukte konnten sich auch danach nie in Japan, China oder Korea etablieren, da die Laktoseintoleranz in diesen LĂ€ndern sehr hoch ist. Die Betonung der japanischen KĂŒche lag darauf, den natĂŒrlichen Geschmack der Lebensmittel zu bewahren. Frischkost galt als Devise, auch Fisch wurde hĂ€ufig roh verzehrt. Insgesamt basierte die japanische ErnĂ€hrung auf fettarmer, pflanzlicher Kost mit Fischbeigabe. Dies hat sich im Zuge der Verwestlichung Japans seit dem 2. Weltkrieg zunehmend verĂ€ndert, auch wenn besonders die Ă€lteren Japaner noch an ihren alten ErnĂ€hrungsmustern festhalten, viel Wert auf eine schlanke Linie legen und besonders lange leben.

In den 1990er Jahren unterschied sich die Inzidenz von Prostatakrebs in den USA von der in Japan noch um einen Faktor von 10: In den USA lag das Auftreten jĂ€hrlich bei etwa 120 (Weiße) bzw. bei fast 200 (Schwarze) pro 100.000 Einwohnern, in Japan nur bei etwa 12 (z. B. Matsuda und Saika, 2007).

Seit langem bekannt ist das PhĂ€nomen der verwestlichten Japaner: Wenn Japaner nach Kalifornien ziehen und „amerikanisiert“ werden, steigt ihr Prostatakrebsrisiko deutlich und nĂ€hert sich dem US-amerikanischen Niveau an (Kalifornisches Krebsregister 2002; www.ccrcal.org). Inzwischen hat auch die Verwestlichung im Land die zu erwartenden Ergebnisse erzielt. Nicht nur die Inzidenz liegt mittlerweile (2008) bei 23/100.000 und ist damit nur noch 73 % niedriger als in den USA (84/100.000) (Ferlay et al., 2010), auch die MortalitĂ€t ist stark angestiegen. Was ist geschehen?

GrĂŒntee, Soja und Natto (traditionelle japanische Speise aus mit Bacillus subtilis fermentierten Sojabohnen, sehr reich an Vitamin K2) sind fundamentale Bestandteile der japanischen ErnĂ€hrung. Neben hochwertigem pflanzlichem Protein, Ballaststoffen und B-Vitaminen enthĂ€lt Soja auch reichlich Sojaisoflavone, insbesondere auch aus fermentiertem Soja (Miso), in dem die Sojaisoflavone bereits in ihrer bioaktiven Form vorliegen. Japan fĂ€llt unter den asiatischen LĂ€ndern durch seinen seit jeher relativ hohen Fischkonsum auf (Willcox et al., 2007), der sich seit 1950 um das 2,5-Fache erhöht hat. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges konnte weiterhin ein steigender Konsum an Milch (20-fach), Fleisch (9-fach) und Eiern (7-fach) verzeichnet werden. Die ProstatakrebsmortalitĂ€t stieg in diesem Zeitraum um das 25-Fache an (Ganmaa et al., 2003). Dennoch ist die ProstatakrebsmortalitĂ€t immer noch deutlich niedriger als in Europa, SĂŒdamerika und den USA. Die alten Generationen der Japaner haben sich viele Jahre traditionell ernĂ€hrt und profitieren noch immer davon, weshalb die alten Japaner weltweit die zweithöchste Lebenserwartung erreichen (Willcox et al., 2012) und damit direkt hinter den vegetarisch lebenden Adventisten in den USA rangieren. Nach wie vor ist der Konsum von Milchprodukten und Fleisch im Vergleich zu anderen Industrienationen deutlich geringer. Seit etwa 20 Jahren findet in Japan ein Umdenken statt. Der American Way of Life verliert an PopularitĂ€t, eine gesunde Lebensweise rĂŒckt ins Zentrum. Schlank- und Gesundsein sind zentrale gesellschaftliche Werte, die auch einen hohen sozialen Druck ausĂŒben. Ein wichtiges Element: Die verzehrten Portionen sind viel kleiner als in Europa und den USA. Am Arbeitsplatz finden jĂ€hrlich staatlich verordnete Gesundheits-Checkups statt, die die Messung des Bauchumfangs beinhalten. Wer durchfĂ€llt, wird aufgefordert, an Seminaren zu gesunder Lebensweise teilzunehmen. Dieser Bewusstseinswandel drĂŒckt sich auch in der weltweit höchsten Lebenserwartung (im LĂ€ndervergleich), den meisten gesunden Lebensjahren und einem RĂŒckgang der Sterblichkeitsraten aufgrund diverser Krebsarten aus (Katanoda et al., 2013).

EPIC-Studie und ErnÀhrung in Europa: reich an tierischem Protein und Fett

Die europĂ€ische EPIC-Studie liefert auf den ersten Blick keine herausragenden Ergebnisse bezĂŒglich der ernĂ€hrungsbedingten Ursachen von Prostatakrebs. Eine genauere Analyse der Daten zeigt allerdings den möglichen Grund: Die MĂ€nner in Europa ernĂ€hren sich inzwischen alle relativ Ă€hnlich ungesund. Obwohl der Konsum von Fisch, Fleisch und Milch jeweils stark variiert, kann man am Konsum tierischen Proteins erkennen, dass tierische Lebensmittel die Hauptproteinlieferanten waren: Im Schnitt kamen 32 % des Proteins aus Fleisch, 9 % aus KĂ€se, und 7 % aus Milch. Getreide lieferte 18 % der Proteinzufuhr. Selbst das niedrigste Quintil (das FĂŒnftel der Bevölkerung, welches am wenigsten aufnimmt) liegt noch bei durchschnittlich 47 g tierischem Protein pro Tag. Das höchste Quintil hĂ€lt sich bei 80 g pro Tag (Allen et al., 2008). Verglichen mit China essen die EuropĂ€er somit 4- bis 11-mal so viel tierisches Eiweiß in Form von Fleisch, Wurst, KĂ€se, Milch, Eiern und Fisch. Und die europĂ€ischen MĂ€nner mit dem geringsten Verzehr an tierischem Eiweiß nehmen sogar mehr als 14-mal so viel davon zu sich als die Bewohner Okinawas. Interessant ist hierbei, dass die deutsche ErnĂ€hrung im 18. Jahrhundert (Lemnitzer, 1977) in Bezug auf die MakronĂ€hrstoffe noch der traditionellen ErnĂ€hrung von Okinawa Ă€hnelte.

Der EPIC-Studie zufolge steigert ein hoher Verzehr von Milchprotein das Prostatakrebsrisiko um 22 % (Allen et al., 2008). Ursache hierfĂŒr sind u. a. erstens die damit verbundene hohe Aufnahme von Calcium, das laut World Cancer Research Fund und American Institute for Cancer Research (WCRF, 2007) „wahrscheinlich“ das Prostatakrebsrisiko erhöht, zweitens die in der Milch enthaltenen insulinĂ€hnlichen Wachstumsfaktoren wie IGF-1 und drittens die besondere Wirkung des Milchproteins, die IGF-1-Serumspiegel beim Menschen zusĂ€tzlich zu erhöhen (Norat et al., 2007; Miura et al., 2007; Parrella et al., 2013). Vor allem tierische Lebensmittel sind reich an AminosĂ€uren, die erhöhte IGF-1-Serumspiegel verursachen können (Allen et al., 2002; Clemmons et al., 1985). Eine Reduktion der Proteinaufnahme (Smith et al., 1995) und eine rein pflanzliche ErnĂ€hrungsweise (Allen et al., 2000 und 2002) haben dagegen niedrigere IGF-1-Spiegel zur Folge.

Auffallend ist in Europa der starke Anstieg des Fleischkonsums in den MittelmeerlĂ€ndern wie z. B. Spanien, Portugal und Griechenland, wo sich der Fleischkonsum seit 1961 etwa verfĂŒnffacht hat (Brown, 2009). Von der mediterranen ErnĂ€hrungsweise ist nicht mehr viel ĂŒbrig geblieben, was sich auch in der ProstatakrebsmortalitĂ€t widerspiegelt (Ferlay et al., 2010). Da scheint auch das viele Sonnenlicht mit der damit einhergehenden höheren Vitamin-D-Synthese nicht mehr ausreichend protektiv zu wirken.

Da nach den vorliegenden Erkenntnissen Fleisch, Wurst und Milchprodukte die Entwicklung von Prostatakrebs Ă€hnlich fördern, ĂŒberrascht das Ergebnis der EPIC-Studie nicht. Es erklĂ€rt vielmehr, warum deutlich protektive Effekte nur dann zu erwarten sind, wenn man grundsĂ€tzlich sein ErnĂ€hrungsmuster Ă€ndert und sich ĂŒberwiegend pflanzlich ernĂ€hrt, statt einfach nur Wurst oder Fleisch mit KĂ€se, Joghurt und Milch zu ersetzen. Insbesondere Joghurt korrelierte in der EPIC-Studie mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko (Allen et al., 2008). Wie wirkungsvoll die Verwendung von Sojadrink als Kuhmilch-Alternative ist, zeigte eine Studie von Jacobsen et al. (1998): MĂ€nner mit einem hohen Konsum an Sojadrink senkten ihr Risiko fĂŒr Prostatakrebs um 70 %.

Schweden steht mit seinem hohen Fischkonsum stellvertretend fĂŒr die skandinavischen LĂ€nder (NOAA, 2011). Die Zahlen der ProstatakrebsmortalitĂ€t in Schweden (20/100.000), Norwegen (19/100.000) und Island (18/100.000) (Ferlay et al., 2010) zeigen, dass der hohe Fischkonsum in diesen LĂ€ndern darauf jedoch keine vorteilhaften Auswirkungen hat.

ErnÀhrung in Uruguay: seit Jahrzehnten besonders viel Fleisch und Milch

Die Einwohner von Uruguay haben sich zeitlebens kontrĂ€r zu den Asiaten ernĂ€hrt. Das sĂŒdamerikanische Land pflegt seit vielen Jahrzehnten einen extrem hohen Konsum von rotem Fleisch (Instituto Nacional de Carnes, 2011) und von Milchprodukten (MercoPress, 2011). Nach WHO-Zahlen von 2008 sterben MĂ€nner in Uruguay 13-mal hĂ€ufiger an Prostatakrebs als Chinesen, ThailĂ€nder und Vietnamesen (Ferlay et al., 2010). Auch die QualitĂ€t des Rindfleisches Ă€ndert daran nichts: Es handelt sich um Weidenrind, dessen QualitĂ€t am 15.12.2009 sogar in der New York Times in einem ausfĂŒhrlichen Artikel gerĂŒhmt wurde (The New York Times, 2009). Eine hohe Zufuhr der Omega-3-FettsĂ€ure alpha-LinolensĂ€ure (ALA), die in Uruguay vor allem auch durch den Verzehr von Weidenrind aufgenommen wird, wirkt hier nicht gĂŒnstig, sondern erhöht das Prostatakrebsrisiko um den Faktor 3,91 (De StĂ©fani et al., 2000).

Dieses lebenslange ErnĂ€hrungsmuster der Uruguayaner dĂŒrfte eine wesentliche Ursache fĂŒr die sehr hohe MortalitĂ€t durch Prostatakrebs, Brustkrebs und Darmkrebs sein, die das Land trotz seines optimalen Klimas und seines gut ausgebauten Sozial- und Gesundheitssystems aufweist. Frauen in Uruguay (24,3/100.000) versterben mehr als 4-mal so hĂ€ufig an Brustkrebs wie Chinesinnen (5,7/100.000). Die DickdarmkrebsmortalitĂ€t beider Geschlechter ist immerhin noch 2,3-mal so hoch wie in China (16,2 vs. 6,9/100.000) (Ferlay et al., 2010). Auch Migrationsstudien zeigen: Wer von LĂ€ndern mit niedrigem Krebsrisiko nach Uruguay zieht, dessen Risiko fĂŒr Prostata-, Brust-, Speiseröhren-, Dickdarm- und GebĂ€rmutterkrebs passt sich den erhöhten Raten in Uruguay an (De StĂ©fani et al., 1990).

Ein hoher Verzehr von rotem Fleisch erhöht in Uruguay auch das Risiko fĂŒr Krebserkrankungen des Hals- und Rachenraums (um den Faktor 3,65), der Speiseröhre (Faktor 3,36), des Kehlkopfes (Faktor 2,91), des Magens (Faktor 2,19), des Dickdarms (Faktor 3,83), der Lunge (Faktor 2,17), der Brust (Faktor 1,97), der Prostata (Faktor 1,87), der Blase (Faktor 2,11), und der Nieren (Faktor 2,72). Ähnliche Korrelationen wurden nicht nur fĂŒr rotes Fleisch, sondern auch fĂŒr die Gesamtaufnahme von Fleisch ermittelt (Aune et al., 2009).

In einer Fall-Kontroll-Studie in Uruguay ergab der Vergleich des höchsten mit dem niedrigsten Quartil der Verzehrmenge von rotem Fleisch folgende ZusammenhĂ€nge mit dem Risiko fĂŒr Prostatakrebs: Rotes Fleisch erhöhte das Risiko um 100 %, sĂŒĂŸe Nachspeisen um 80 %, eine hohe Energiezufuhr um 90 %, und eine hohe Gesamtfettaufnahme um 80 %. Dagegen senkten viel GemĂŒse und FrĂŒchte das Risiko um 50 %, sowie Vitamin C und Vitamin E aus der Nahrung um 60 % bzw. 40 % (Deneo-Pellegrini et al., 1999).

Warum man Wurst nicht mit KĂ€se, sondern mit Tofu und GemĂŒse ersetzen sollte 

Im Gegensatz zu den Menschen in Uruguay ernĂ€hren sich Chinesen traditionell von viel isoflavonreichem Soja und GemĂŒse. Insbesondere der zu den KreuzblĂŒtlern zĂ€hlende Chinakohl und andere Kohlsorten sind Grundnahrungsmittel. Die protektive Wirkung eines hohen GemĂŒse­konsums in Bezug auf die Entwicklung eines fortgeschrittenen Prostatakarzinoms (Stadien III oder IV) belegt eine Studie von Kirsh et al. (2007). MĂ€nner, die viel GemĂŒse verzehrten, hatten ein um 59 % reduziertes Risiko im Vergleich zu MĂ€nnern mit einem geringen GemĂŒseverzehr. Dieser Effekt wurde zu 40 % auf die Wirkung von GemĂŒsesorten zurĂŒckgefĂŒhrt, die zu den KreuzblĂŒtlern zĂ€hlen. Insbesondere Brokkoli und Blumenkohl fĂŒhrten zu einer beachtlichen Risikominderung (um 45 % bzw. 52 %), wenn sie hĂ€ufiger als einmal pro Woche verzehrt wurden verglichen mit einem Konsum von weniger als einmal pro Monat. Den protektiven Effekt von KreuzblĂŒtlern auf die Entwicklung eines nicht-metastatischen Prostata­tumors zu einem progressiven Tumor zeigten auch Richman et al. (2012). MĂ€nner mit dem höchsten Verzehr (höchstes Quartil) hatten ein um 59 % vermindertes Risiko verglichen mit dem geringsten Verzehr (niedrigstes Quartil). Chinakohl und Pak Choi, die in China sehr hĂ€ufig verzehrte GemĂŒsearten sind, dĂŒrften Ă€hnlich gĂŒnstige Effekte haben: Sie sind reich an Vitamin C, Carotinoiden und Glukosinolaten wie z. B. Sulforaphan.

Hohe Gesundheitsausgaben schĂŒtzen nicht vor Krankheit und Tod

Auch wenn Uruguay seine besten Zeiten hinter sich hat, geben die MĂ€nner dort fĂŒr ihre Gesundheit bzw. ihre Krankheiten das 3-Fache der Chinesen aus und können sich das auch leisten. Dennoch haben sie eine kĂŒrzere Lebenserwartung (WHO, 2013a). Die Deutschen ließen sich 2011 ihre Gesundheit das 10-Fache der Chinesen kosten (WHO, 2013a) – bei identisch vielen gesunden Lebensjahren (healthy life years) (Jagger et al., 2008). Schockierend fĂŒr das deutsche Gesundheitssystem dĂŒrfte auch sein, dass im Jahr 1981 ein 65-jĂ€hriger Chinese, der eine sehr hohe SĂ€uglingssterblichkeit, Infektionen und Hungersnöte ĂŒberlebt hat, in einem völlig unterentwickelten Gesundheitssystem mit einem winzigen Bruchteil des Kostenaufwandes fast die gleiche Restlebenserwartung wie ein Deutscher erreichte. Im Alter von 65 Jahren hatte er im Schnitt noch 12,44 Jahre zu leben, insgesamt also 77,44 Jahre (Zhang und Zhu, 1984), der 65-jĂ€hrige Deutsche noch weitere 13,09 Lebensjahre, insgesamt also 78,09 Jahre (Statistisches Bundesamt, 2012).

Leben wir wirklich immer lÀnger? Oder: Wie der enorme Fortschritt der Medizin von Zivilisations­krankheiten fast neutralisiert wird.

Dass wir immer Ă€lter werden, ist vor allem korrekt in Bezug auf die Lebenserwartung bei Geburt. Da lagen die Deutschen 1871-81 bei 35,58 Jahren (MĂ€nner) bzw. 38,45 Jahren (Frauen). Doch zur gleichen Zeit hatte ein 65-jĂ€hriger Deutscher, der die hohe SĂ€uglingssterblichkeit und Infektionserkrankungen ĂŒberlebt hatte, eine Restlebenserwartung von 9,55 Jahren, insgesamt wurde der Mann also im Schnitt 74,55 Jahre alt. 1980-82 lag der deutsche 65-jĂ€hrige Mann bei 78,09 Jahren Lebenserwartung und im Jahr 2009-11 bei 82,48 Jahren. Eine 65-jĂ€hrige Frau hatte 1871-81 eine Restlebenserwartung von 9,96 Jahren, also insgesamt 74,96 Jahre, 1980-82 waren es 81,77 Jahre sowie 85,68 Jahre im Zeitraum 2009-11 (Statistisches Bundesamt, 2012a). Zwischen 1871-81 und 2009-11 verlĂ€ngerte sich die Lebenserwartung fĂŒr einen 65-jĂ€hrigen Mann also um lediglich 8 Jahre, doch wie viele davon werden in hĂ€uslicher Pflege oder in Pflegeheimen verbracht?

Im gesunden Altwerden sind die Deutschen weltweit nicht fĂŒhrend, doch in Sachen „Kosten des Gesundheitssystems“ zĂ€hlen wir zur Spitze. Der Fortschritt der Medizin bekĂ€mpft mit gewaltigem Kostenaufwand und hohem Leidensdruck der Betroffenen vor allem Krankheiten, die 1871-81 eine Seltenheit waren, weil Zivilisationserkrankungen nur bei der Oberschicht auftraten. Es wundert daher nicht, dass in allen LĂ€ndern, wo der westliche Lebensstil Einzug hĂ€lt, Zivilisationserkrankungen explosionsartig zunehmen. In den USA, wo der westliche Lebensstil auf die Spitze getrieben wird, steigt die Lebenserwartung nicht mehr, sondern befindet sich vor allem bei den sozial SchwĂ€cheren im Sinkflug. Bei weißen US-Amerikanerinnen ohne höhere Bildung ging seit 1990 die Lebenserwartung bereits um 5 Jahre zurĂŒck, MĂ€nner ohne höhere Bildung verloren 3 Jahre Lebenserwartung (Olshansky et al., 2012). Dies kann uns einen Vorgeschmack auf die Zeiten eines wirtschaftlich geschwĂ€chten, aber ungesund fehl- und ĂŒberernĂ€hrten Europas geben.

Zusammenfassung: Der Vergleich von weltweiten, extrem unterschiedlichen ErnĂ€hrungsmustern kann die außergewöhnlich hohe bzw. niedrige Prostatakrebs­mortalitĂ€t in Uruguay bzw. China und Asien erklĂ€ren. Die altersstandardisierte ProstatakrebsmortalitĂ€t unterscheidet sich aktuell (2008) global gesehen um den Faktor 13. Die europĂ€ische EPIC-Studie dokumentiert vor allem, dass sich die Einwohner der europĂ€ischen LĂ€nder inzwischen relativ Ă€hnlich ernĂ€hren und im Vergleich zu Asiaten ein Vielfaches an tierischem Protein zu sich nehmen. FĂŒr einen hohen Konsum von Milchprodukten ergab die EPIC-Studie ein 1,22-fach erhöhtes Prostatakrebsrisiko (Allen et al., 2008). Im Gegensatz zur traditionellen ErnĂ€hrung in Asien ist die ErnĂ€hrung in den westlichen LĂ€ndern und vielerorts in SĂŒdamerika gekennzeichnet durch einen hohen Gehalt an tierischen Lebensmitteln und Zucker, aber wenig Ballast- und Pflanzenstoffen. In Uruguay stellt die jahrzehntelang praktizierte ErnĂ€hrungsweise mit einem ĂŒbermĂ€ĂŸigen Konsum von Fleisch und Milch den Hauptrisikofaktor dar. Die Asiaten dagegen nehmen traditionell nicht nur viel weniger tierische Lebensmittel zu sich, sondern auch große Mengen protektiv wirksamer pflanzlicher Kost wie Soja, GemĂŒse, Kohl, KrĂ€uter, Pilze und GrĂŒntee. Die Deutschen liegen nicht nur im Konsum von Fleisch und Milchprodukten, sondern auch in der ProstatakrebsmortalitĂ€t im internationalen Mittelfeld. Sinnvoll wĂ€re es also, das Wurstbrot nicht durch ein KĂ€sebrot zu ersetzen, sondern mehr Pflanzenkost, wie z. B. Tofu, reichlich GemĂŒse, KrĂ€uter und GewĂŒrze, zu verzehren. Das wĂ€re nicht nur gut fĂŒr die Prostata, sondern auch fĂŒr das Herz-Kreislauf-System. Daneben spielen auch regelmĂ€ĂŸige Bewegung, Frischluft, Sonnenlicht und ausreichend Entspannungsphasen eine wichtige Rolle.

Weltweite ErnÀhrungsmuster: 13-mal höhere MortalitÀt in Uruguay als in China

Region

Lebens-erwartung (m/w)

Prostata-krebs-mortalitÀt
ASR**

Fisch g/Tag

Fleisch g/Tag

Proteinverzehr (g/Tag)

1961

2002

Protein aus Milch-produkten

Tierisches Protein gesamt

Pflanz-liches Protein

China

74/77(1)

2(5)

22 g*(7)/
84 g(9)

10 g(11)

144 g(11)

2 g(18)

7 - 11 g(14,15)


51 g(15)

Okinawa

79/87(2)

(2)(6)

15 g*(8)

3 g (1949)(8)

  -

< 0,1 g*(8)

3,3 g*(8)

35,7 g*(8)

Japan

79/86(1,2)

5(5)

62 g*(8)/
153 g(9)

21 g(11)

120 g(11)

< 1 g*(8) /7(18)

44 g(15) inkl. Fisch(9)

43 g(15)

EPIC-Studie  (1.-5. Quintil)

77/83(3)

12(5)

18 g-
78 g(10)


76 g -194 g(10)

10 - 27 g(10)

47 -
80 g(10)

29 -
47 g(10)

Deutschland

78/83(1,4)

12(5)

42 g(9)

175 g(11)

225 g(11)

17,3 g(17)

62 g(15)

35 g(15)

Schweden

80/84(1)

20(5)

88 g(9)

138 g(11)

208 g(11)

25,2 g(17)

60 g(15)

30 g(15)

Uruguay

73/80(1)

26(5)


315 g(11)

252 g, davon 162 g aus Weidenrind(12)

20,8 g(13)

65 g(16)

35 g(16)

 

*: traditionelle ErnÀhrung (China: 1981-90; Okinawa: 1949; Japan: 1950)

**:ASR: age-standardised rate; TodesfÀlle pro 100.000

 

Quellen:

(1)  WHO-Daten fĂŒr 2009 (2013a): www.who.int/countries/en; (2)  Willcox et al., 2012; (3)  European Commission, 2012; (4)  Statistisches Bundesamt, 2012a; (5)  Ferlay et al., 2010; (6)  Altersstandardisierte Rate auf Basis von Japan Ministry of Health and  Welfare 1996; (7)  Dey et al., 2005; (8)  Willcox et al., 2007; (9)  NOAA, 2011; (10) Allen et al., 2008; (11) Brown, 2009; (12) Instituto Nacional de Carnes, 2011; (13) MercoPress, 2011; (14) Campbell und Campbell (2006); (15) Frassetto et al., 2000; (16) Konservativer SchĂ€tzwert aufgrund des Fleisch- und Milchkonsums in Uruguay und Werte fĂŒr Argentienien aus Frassetto et al., 2000; (17) Westhoek et al., 2011; (18) FAO (2010).

 

Prostatakrebs ist nicht gleich Prostatakrebs

Prostatakrebs ist die hĂ€ufigste Krebserkrankung des Mannes und oft ein langsam wachsendes Alterskarzinom. Die Diagnose Prostatakrebs darf nicht als Todesurteil aufgefasst werden. Aus US-Studien (Rullis et al., 1975; Sakr et al., 1994) ist bekannt, dass 60 bis 70 % der Ă€lteren MĂ€nner mit einem Prostatakarzinom, jedoch nur 3 % an einem Prostatakarzinom (Jemal et al., 2006) versterben. Das Robert Koch Institut geht fĂŒr 2012 von 67.700 Neuerkrankungen aus und einer 5-Jahres-PrĂ€valenz von 251.700. In Deutschland wurden im Jahr 2011 81.548 Prostatakrebspatienten vollstationĂ€r im Krankenhaus behandelt (Statistisches Bundesamt, 2012a). Mit 13.324 Verstorbenen ist Prostatakrebs 2011 bei MĂ€nnern insgesamt die sechsthĂ€ufigste Todesursache nach KHK, Lungenkrebs, Herzinfarkt, chronisch obstruktiver Lungenkrankheit und Herzinsuffizienz, berichtet das Statistische Bundesamt (2012b).

Die 5-Jahres-Überlebensraten hĂ€ngen vom Tumorstadium zum Zeitpunkt der Diagnose­stellung ab: Sie betragen etwa 80 % oder höher, wenn sich der Tumor auf die Prostata beschrĂ€nkt. Sind Metastasen vorhanden, geht die Quote auf 25 % zurĂŒck. Ein PSA-Screening zur FrĂŒherkennung ab dem 45. Lebensjahr dĂŒrfte daher im Rahmen einer Prostata­karzi­nom­vor­sorgeuntersuchung sinnvoll sein, wenn sie nicht automatisch zur Übertherapie fĂŒhrt. Auch hier kann „weniger Therapie manchmal mehr LebensqualitĂ€t bedeuten“. Der PSA-Befund oder der PCA3-Urintest geben leider wenig Aufschluss ĂŒber die Bösartigkeit, die Lage und die Ausdehnung des Karzinoms. Ist es ein relativ langsam wachsendes, noch gut differenziertes Karzinom, mit dem der Patient alt werden kann? Oder handelt es sich um einen „Raubtierkrebs“ (Julius Hackethal) mit einer hohen AggressivitĂ€t? Die Aussichten hĂ€ngen sehr eng mit der Art und Ausbreitung des Tumors zusammen.

Die Patienten, die sich fĂŒr die Methode des „active surveillance“ (aktive Überwachung) entscheiden, wĂ€gen Nebenwirkungen und Nutzen einer frĂŒhzeitigen, invasiven Therapie (OP, Bestrahlung) ab. Durch „active surveillance“ unter Aufsicht eines Arztes können immer noch rechtzeitig kurative Schritte unternommen werden, wenn diese aufgrund eines Fortschreitens der Krankheit nötig werden sollten. Ein aktuelles Review von Weißbach und Altwein (2009) im deutschen Ärzteblatt kommt zur wichtigen Schlussfolgerung: Die 88 gesichteten Studien zur aktiven Überwachung weisen konsistent hohe tumorspezifische Überlebensraten (99 bis 100 %) fĂŒr die aktive Überwachung auf. Alle sieben recherchierten Leitlinien zur Behandlung des PCa seit 2006 erwĂ€hnen in ihren Empfehlungen die aktive Überwachung als Therapieoption fĂŒr PCa mit geringem Progressionsrisiko. Das National Institute of Clinical Excellence, Großbritannien, empfiehlt in diesem Fall sogar ausschließlich die aktive Überwachung als Behandlungsstrategie.

Wie wichtig die Lebensweise ist, zeigt folgender Zusammenhang: Obgleich weltweit die in Autopsien entdeckten Prostatakarzinome ungefĂ€hr gleich hĂ€ufig auftreten (Breslow et al., 1977; Delongchamps et al., 2006), ist das tatsĂ€chliche Auftreten von Prostatakrebs von großen geographischen Unterschieden geprĂ€gt.

Welchen Einfluss die ErnĂ€hrungsgewohnheiten in unterschiedlichen Regionen der Welt auf die regionale ProstatakrebsmortalitĂ€t ausĂŒben, wurde bereits ausfĂŒhrlich dargestellt (s. oben).

Mehr LebensqualitĂ€t dank Prostatakrebs – ist das möglich?

Prostatakrebs-Patienten haben hĂ€ufig einen starken Willen, ihren Gesundheitszustand aktiv durch VerĂ€nderungen ihrer Lebens- und ErnĂ€hrungsweise zu verbessern. Darin liegt eine große Chance, nicht nur das Prostatakrebs-spezifische Leben deutlich zu verlĂ€ngern, sondern die Lebensdauer und vor allem auch die LebensqualitĂ€t insgesamt zu erhöhen. Dieser Wille, selbst Verantwortung fĂŒr die eigene Gesundheit zu ĂŒbernehmen, ist vielleicht der wichtigste Faktor fĂŒr ein langes Leben. Gesunde ErnĂ€hrung und Lebensweise nicht als Last, sondern aus Freude am Leben. Das GefĂŒhl der SelbstĂ€ndigkeit, Selbstverantwortung und eigenen Einflussmöglichkeit ist in sich ein wichtiger prĂ€ventiver und wohl auch kurativer psychologischer Faktor, worauf auch die Arbeiten von Roland Grossarth-Maticek (Auto­no­mie­training, Grossarth-Maticek, 2002) und Aaron Antonovsky (Salutogenese) hinweisen.

Gewiss kann einer Erkrankung eine genetische Disposition zugrunde liegen, doch ĂŒber 70 % liegen in unserer Hand. Zwar verdoppelt die familiĂ€re Vorbelastung eines Prostatakarzinoms in etwa das Erkrankungsrisiko. Doch können unsere Gene und deren Expression durch unsere ErnĂ€hrung und Lebensweise positiv oder auch negativ verĂ€ndert werden. Forscher um Dean Ornish von der University of California hatten in der viel beachteten GEMINAL-Pilotstudie (Ornish et al., 2008a) 30 MĂ€nner mit Prostatakrebs rekrutiert. Diese mussten ihren Lebensstil radikal umstellen: Sie ernĂ€hrten sich gesund (fettarme pflanzliche Vollwertkost), nahmen NahrungsergĂ€nzungsmittel, gingen 6 Tage pro Woche mindestens 30 Minuten spazieren, machten Stress-Management-Kurse (Yoga, AtemĂŒbungen, Meditation, VisualisierungsĂŒbungen, progressive Muskel­ent­spannung) und nahmen einmal in der Woche an einer gemeinsamen Gruppensitzung teil. Die Mediziner entnahmen den Probanden sowohl vor als auch drei Monate nach dieser Inter­vention Biopsien der Prostata. In diesen konnten die Forscher VerĂ€nderungen der Ex­pression fĂŒr mehrere hundert Gene nachweisen. FĂŒr die Tumorbildung wichtige Gene wurden herunterreguliert, dagegen waren krebsbekĂ€mpfende Gene aktiver als vor der Lebens­stilumstellung.

Dass diese Auswirkungen auch von prognostischer Relevanz sind, zeigte eine weitere Studie von Ornish, in der durch die gleiche Lebensstilintervention sich die Ergebnisse eines „kon­trollierten Abwartens“ (active surveillance) deutlich verbessern ließen. Das Fortschreiten des Prostatakarzinoms zu einer notwendigen invasiven Therapie konnte durch die oben be­schrie­benen Maßnahmen um mindestens 2 Jahre verzögert werden (Frattaroli et al., 2008). Nach zwei Jahren mussten sich nur 5 % der Ornish-Gruppe einer invasiven Therapie unter­ziehen, wĂ€hrend das Fortschreiten der Erkrankungen 27 % der Kontrollgruppe zu einer invasiven Therapie zwang.

In einer kleinen Studie aßen 14 Patienten mit rezidivierendem Prostatakrebs ĂŒber 6 Monate eine fettarme, pflanzliche ErnĂ€hrung und praktizierten Stressmanagement. Vier von zehn auswertbaren Patienten hatten ein absolutes Absinken des PSA-Wertes, neun von zehn hatten eine deutliche VerlĂ€ngerung der PSA-Verdopplungszeit – im Median von 11,8 Monaten auf 112,3 Monate (Saxe et al., 2006). Diese Lebensstilinterventionen haben wichtige positive „Nebenwirkungen“:

  • Die LebensqualitĂ€t der Studienteilnehmer stieg deutlich im Vergleich zu der Kontrollgruppe
  • Ausgesprochen positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System, wie z. B. 90 %ige Reduktion von Angina Pectoris AnfĂ€llen und RĂŒckgang der Stenosen in HerzkranzgefĂ€ĂŸen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (Ornish et al. 1998).

Die aktuelle Studienlage weist insgesamt auf die hohe Bedeutung einer pflanzenreichen Kost und bestimmter Pflanzenstoffe in Bezug auf die PrĂ€vention, das Fortschreiten und das Überleben bei Prostatakrebs hin (Berkow et al., 2007). Es gilt auch als wissenschaftlich gesichert, dass regelmĂ€ĂŸige Bewegung sowie Normalgewicht das Risiko eines Prostata­kar­zi­noms deutlich senken.

Der im 10. Kapitel von „Dr. Jacobs Weg des genussvollen Verzichts“ beschriebene ErnĂ€hrungsplan kann insbesondere ĂŒbergewichtigen Prostata­krebspatienten helfen, ihr Gewicht auf eine nachhaltige und gesunde Weise zu normalisieren. Hierbei sind auch alle bisherigen Erkenntnisse zur ErnĂ€hrungstherapie von Prostatakrebs berĂŒcksichtigt.

ErnĂ€hrung – weniger ist mehr 

Hierzulande leidet unsere Gesundheit insgesamt heute mehr unter Überfluss als an Mangel. Übergewicht erhöht das Prostatakrebsrisiko deutlich.

Die aktuellen S3-Leitlinien zum Prostatakrebs sprechen folgende Empfehlungen aus:

Achten Sie auf eine gesunde ErnÀhrung mit Schwerpunkt auf pflanzlichen Lebensmitteln:

  • Essen Sie jeden Tag verschiedene Obst- und GemĂŒsearten.
  • Essen Sie lieber Vollkorn- als Weißmehlprodukte. 
  • Begrenzen Sie die Zufuhr von Fleischprodukten und rotem Fleisch.

 

Streben Sie ein gesundes Gewicht an:

  • Achten Sie auf eine gesunde Balance von Energie (Kalorien) und körperlicher AktivitĂ€t.
  • Vermeiden oder reduzieren Sie Übergewicht und versuchen Sie, Ihr erreichtes gesundes Gewicht zu halten.
  • Der gesĂŒndeste Weg, die Energiezufuhr zu reduzieren, ist eine Reduktion bzw. der Verzicht auf zusĂ€tzlichen Zucker, gesĂ€ttigte oder TransfettsĂ€uren und Alkohol.
  • Alle diese Nahrungsmittel sind sehr energiereich und enthalten zu wenig oder keine essentiellen Nahrungsbestandteile wie Vitamine, Mineralien oder Ballaststoffe. 
Risikofaktor Fleisch

Das Risiko fĂŒr das Prostatakarzinom erhöht sich deutlich mit dem Konsum von Fleisch, insbesondere von rotem und verarbeiteten Fleisch. In einem Review wurden die verfĂŒgbaren großen Fall-Kontroll- und Kohorten-Studien analysiert: Von 22 Studien zeigten 16 ein um mindestens 30% erhöhtes Risiko (Kolonel, 2001). In der Health Professionals Study (51.529 MĂ€nner) der Harvard UniversitĂ€t erhöhte der reichliche Verzehr von rotem Fleisch das Risiko fĂŒr das metastasierende Prostatakarzinom um 60 %; tierische Fette um 63 % und Milchprodukte um 40 % (Michaud et al., 2001).

Sicherlich spielen hierbei auch die klassischen Kanzerogene wie heterozyklische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die beim Braten, Schmoren oder Grillen des Fleisches auftreten, eine Rolle (Giovannucci et al., 1993). Hoher Fleischkonsum erhöht auch das Risiko von Brustkrebs und Darmkrebs. Epidemiologische ZusammenhÀnge sind auch mit Nieren-, Lungen und Pankreaskrebs nachgewiesen (Department of Health, Nutritional Aspects of the Development of Cancer, 1998).

Eine neue Meta-Analyse von Alexander et al. (2010) ergab keine unabhĂ€ngige Assoziation zwischen Prostatakrebsrisiko und dem Verzehr von Fleisch. Die Studie war sicher ihr Geld wert: Die Studie wurde mit der freundlichen finanziellen UnterstĂŒtzung des Cattlemen’s Beef Board und der National Cattlemen’s Beef Association gefördert. Zwei der drei Autoren gehören zu einem Wirtschaftsunternehmen: www.exponent.com

Eine Studie von Colli und Colli (2005), die den Einfluss verschiedener ErnĂ€hrungsmuster auf die altersstandardisierte ProstatakrebsmortalitĂ€t in den USA untersuchte, ergab eine stark positive Korrelation zum Gesamtfleischkonsum (rotes Fleisch, GeflĂŒgel und Fisch). Die seit den frĂŒhen 90er Jahren sinkende ProstatakrebsmortalitĂ€t ist dabei wahrscheinlich auf die vermehrte FrĂŒherkennung durch PSA-Screenings zurĂŒckzufĂŒhren.

 

Zusammenhang zwischen ProstatakrebsmortalitĂ€t und Gesamtfleischkonsum in den USA (aus: Colli und Colli, 2005) 

Risikofaktor Milch

Der ĂŒbermĂ€ĂŸige Verzehr von Milchprodukten, die reichlich IGF-1, tierisches Protein und Calcium liefern, erhöht deutlich das Prostatakrebsrisiko. Das ergab die EPIC-Studie (European Pro­spective Investigation into Cancer and Nutrition) an 142.251 MĂ€nnern. Dort ergab sich ein 22 % höheres Prostatakrebsrisiko fĂŒr Milchprotein und Calcium aus Milch (höchstes Quintil im Vergleich mit dem niedrigsten). Ein hoher Verzehr von Milchprodukten fĂŒhrt unter anderem zu erhöhten Blutspiegeln des Wachstumsfaktors IGF-1 (Insulin-like Growth Factor-1) und zu einer hohen Calciumaufnahme. Zur gleichen Warnung kamen Chan und Mitarbeiter in ihrer Meta-Analyse (2001), die in 12 von 23 Studien eine positive Korrelation von Milchprodukten mit Prostatakrebs feststellten.

In einer Studie von Ganmaa et al. (2002) wurde der Einfluss der ErnĂ€hrung von 42 LĂ€ndern auf die MortalitĂ€t von Prostatakrebs untersucht. Die Studie ergab, dass der Verzehr von Milch am stĂ€rksten mit der ProstatakrebsmortalitĂ€t korrelierte.

Korrelation zwischen ProstatakrebsmortalitÀt und Milchkonsum (adaptiert nach: Ganmaa et al., 2002)

In der bekannten Physicians' Health Study mit 21.660 Teilnehmern erhöhten sowohl der Konsum von Magermilch als auch von Vollmilch das Auftreten von Prostatakrebs. Ein hoher Vollmilchkonsum nach der Diagnosestellung steigerte sogar das Risiko fĂŒr einen tödlich verlaufenden Prostatakrebs um 117 % (Song et al., 2013). Die Adventist Health Study 1 (Jacobsen et al., 1998) ergab, dass MĂ€nner, die mehr als einmal am Tag Sojamilch tranken, ihr Risiko fĂŒr Prostatakrebs um 70 % senkten. Dieses Ergebnis beruht wohl nicht nur auf der Sojamilch, sondern auch auf der damit automatisch einhergehenden Reduktion des Milchkonsums.

Allen et al. stellten in zwei Studien mit Veganern, Vegetariern und Normal­köstlern fest, dass Veganer ĂŒber deutlich niedrigere IGF-1-Konzentrationen und höhere Konzentrationen an IGF bindenden Proteinen (IGFBP) als Misch­köstler verfĂŒgen (Allen et al., 2002; Allen et al. 2000). Mehreren Studien zufolge ist eine gesteigerte Expression von IGF-1 (Norat et al., 2007; Miura et al., 2007; Parrella et al., 2013) sowie eine verminderte Expression von IGFBP-3 (Parrella et al., 2013) mit dem vermehrten Konsum tierischen Proteins, und insbesondere von Milch assoziiert.

Die Physicians‘ Health Study zeigt zudem, dass IGF-1 und IGFBP-3 entscheidende Parameter fĂŒr den Übergang zu einem fortgeschrittenen Prostatakarzinom sind. In der Studie wurde der Zusammenhang zwischen Prostatakrebs und den IGF-1- und IGFBP-3-Plasmakonzentrationen untersucht. MĂ€nner mit einem hohen IGF-1-Wert und einem niedrigen IGFBP-3- (IGF bindendes Protein-3) Wert wiesen das 9,5-fache Risiko fĂŒr einen fortgeschrittenen Prostatakrebs auf, unabhĂ€ngig vom Gleason-Score. Ein hoher IGF-1-Wert ging dabei mit einer Risikosteigerung um 410 % einher, ein hoher IGFBP-3-Wert senkte hingegen das relative Risiko um 80 % (Chan et al., 2002).

Risikofaktor tierische Lebensmittel und Zucker

In einer Studie von Colli und Colli (2006) wurden die ErnĂ€hrungsgewohnheiten (38 Lebensmittel) und die Sonnenexposition in 71 LĂ€ndern mit der jeweiligen altersstandardisierten Prostatakrebs­mortalitĂ€t auf ZusammenhĂ€nge hin ĂŒberprĂŒft. Der Konsum von Gesamtkalorien aus tierischen Lebensmitteln, Gesamtkalorien aus tierischem Fett, Fleisch, tierischem Fett, Milch, Zucker und alkoholischen GetrĂ€nken korrelierte mit erhöhten Prostatakrebs­mortalitĂ€ts­raten. Der hohe Konsum von tierischen Lebensmitteln (R = 0,7) und Zucker (R = 0,71) erhöhten die ProstatakrebsmortalitĂ€t am stĂ€rksten. Der Faktor Sonnenlicht, der Verzehr von Ölsamen, Sojabohnen und Zwiebeln korrelierten hingegen mit einem verminderten Risiko fĂŒr ProstatakrebsmortalitĂ€t, genauso wie Getreide und Reis, der eine hohe protektive Wirkung zeigte. Diese Studie zeigt eindrucksvoll, wie wichtig nicht nur eine pflanzliche, sondern auch eine vollwertige ErnĂ€hrung fĂŒr unsere Gesundheit ist. Zucker ist auf Dauer sogar doppelt negativ: Das Disaccharid zerfĂ€llt in Glukose, das den Blutzucker- und den Insulinspiegel erhöht, und in Fruktose, das bei einer ÜberernĂ€hrung direkt in Leberfett umgesetzt wird und die Insulinresistenz fördert. Mit Zucker ist isolierter Zucker gemeint, der eine hohe Energiedichte hat und nur leere Kalorien liefert. Insbesondere die Kombination von Zucker mit Milch oder Fleisch erhöht auch die InsulinausschĂŒttung (vgl. Insulin-Index) und wohl auch IGF-1 am stĂ€rksten.

Besonders negativ sind auch Softdrinks zu bewerten. Drake und Mitarbeiter (2012) konnten in einer schwedischen Studie nachweisen, dass schon eine Portion (330 ml) eines zuckerhaltigen Softdrinks das Risiko fĂŒr ein aggressiveres, therapiebedĂŒrftiges Prostatakarzinom um 38 % erhöht.

Korrelation zwischen ProstatakrebsmortalitÀt und Zuckerkonsum in 71 LÀndern (aus: Colli und Colli, 2006)

 

Korrelation zwischen ProstatakrebsmortalitĂ€t und Getreidekonsum in 71 LĂ€ndern (aus: Colli und Colli, 2006) 

Sonnenlicht liefert Vitamin D, viel Calcium senkt die Vitamin-D-Synthese

Normale Vitamin-D-Spiegel schĂŒtzen vor Prostatakrebs, darauf weisen zahlreiche Untersuchungen hin. Milchprodukte sind der Hauptlieferant fĂŒr Calcium in unserer ErnĂ€hrung. Wie noch ausfĂŒhrlicher dargelegt wird, erhöht eine zu hohe Calciumzufuhr das Prostatakrebsrisiko. Ein möglicher Mechanismus: Calcium senkt u. a. die Eigensynthese von Vitamin D (Allen et al., 2008). Vitamin D steigert die Aufnahme von Calcium aus der Nahrung. DarĂŒber hinaus mildert Vitamin D EntzĂŒndungsreaktionen (Ginanjar et al.; 2007) und schĂŒtzt nach neuesten großen klinischen Studien vor Herz-Kreislauf- und besonders auch vor Krebserkrankungen wie kein anderes Vitamin (Lappe et al., 2007, Michos et al., 2008). Generell ist es daher sinnvoll, Sonne zu tanken und im Winter Vitamin D ĂŒber NahrungsergĂ€nzungsmittel zu sich zu nehmen.

Eine Fallkontrollstudie mit 749 Patienten aus den USA zeigt, dass die Rolle von Vitamin D beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom nicht geklĂ€rt ist. Hohe Blutspiegel fĂŒhren mögli­cher­weise zu einer Risikoerhöhung (Ahn et al., 2008). Dies ist durchaus möglich, da ein mutierter Androgenrezeptor nicht nur Androgene, sondern auch andere Steroide „verwerten“ kann.

Zusammenfassend zeigen die Beobachtungen, dass sowohl zu hohe (≥ 80 nmol/l) als auch zu niedrige (≤ 19 nmol/l) Vitamin D-Spiegel das Prostatakrebsrisiko erhöhen (Tuohimaa et al., 2004). Ein normaler Vitamin D-Spiegel liegt im Bereich von 75-150 nmol/l.

Fisch und Fischöl bei Prostatakrebs. NĂŒtzlich oder schĂ€dlich?

Diese wichtige, komplexe und ambivalente Thematik wird ausfĂŒhrlich im MenĂŒpunkt â€žOmega-3-FettsĂ€uren“erörtert.

Die großen Studien zu diesem Thema (EPIC und Prostate Cancer Prevention Trial) lassen marine Omega-3-FettsĂ€uren in keinem guten Licht erscheinen. Hohe Serumwerte korrelieren positiv mit Prostatakrebs, insbesondere aggressivem Prostatakrebs.

Auch ein Übermaß an der Omega-3-FettsĂ€ure ALA muss nicht zwingend gesund sein. In einer großen Studie aus Uruguay (De StĂ©fani et al., 2000) fĂŒhrte ALA zu einem 3,9-fach erhöhten Prostatakrebs-Risiko. Eine höhere Risikokorrelation bestand bei ALA aus tierischer Quelle, wie beispielsweise von Rindern aus Weidehaltung, als bei ALA aus pflanzlicher Quelle.

Fazit: Unser Körper braucht zwar Omega-3-FettsÀuren, doch wenn die körpereigenen Antioxidantienpools erschöpft sind und Omega-3-FettsÀuren oxidiert oder falsch zubereitet werden (Braten, Grillen, langes Erhitzen), verlieren sie nicht nur ihren Nutzen, sondern werden zu einer Gesundheitsgefahr. Viel hilft nicht immer viel, sondern schadet meistens.

Die ungesĂ€ttigten FettsĂ€uren wie die Omega-6-FettsĂ€ure LinolsĂ€ure (zweifach ungesĂ€ttigt) oder die drei Omega-3-FettsĂ€uren alpha-LinolensĂ€ure (ALA, dreifach ungesĂ€ttigt), EicosapentaensĂ€ure (EPA, fĂŒnffach ungesĂ€ttigt) und DocosahexaensĂ€ure (DHA, sechsfach ungesĂ€ttigt) haben sehr oxidationsempfindliche Doppelbindungen. Mit der Anzahl der ungesĂ€ttigten Doppelbindungen steigt die Oxidationsgefahr. Die Serum-Paraoxonase-1 (PON-1) spielt nicht nur eine wichtige Rolle zum Schutz vor Oxidationen von LDL-Cholesterin, sondern auch von ungesĂ€ttigten FettsĂ€uren. Die PON-1-AktivitĂ€t wird durch Granatapfel-Polyphenole erhöht.

Wer Fischöl supplementieren möchte, sollte nur hochgereinigtes und damit schadstoffreduziertes Fischöl verwenden und es nur in moderaten Dosen supplementieren (max. 1 g DHA und EPA kombiniert). Dem Körper sollten zudem ausreichend antioxidative Nahrungsmittel zugefĂŒhrt werden, welche der Oxidation der empfindlichen FettsĂ€uren entgegenwirken. Generell hat eine ÜberernĂ€hrung den höchsten prooxidativen Effekt.

Besonders bei Omega-3-FettsĂ€uren ist auf eine sehr schonende Verarbeitung zu achten. Wer Omega-3-FettsĂ€ure-reiche Lebensmittel (z. B. Leinöl, Hanf, Raps, Fisch, Fleisch von Tieren aus Weidenhaltung, Wild), unsachgemĂ€ĂŸ (zu hell, zu warm oder zu lange) lagert oder sie sogar – wie dies meist geschieht – brĂ€t, schmort, grillt oder rĂ€uchert, erzeugt besonders krebserregende Stoffe, wie z. B. Lipid-Peroxide. Dies könnte auch die ErklĂ€rung dafĂŒr sein, warum in einigen Studien ein erhöhter Verzehr von alpha-LinolensĂ€ure, insbesondere aus Fleisch von Rindern aus Weidehaltung (De StĂ©fani et al., 2000), mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko einhergeht (Brouwer et al., 2004; Leitzmann et al., 2004). Diese Omega-3-FettsĂ€ure ist in der Verarbeitung besonders empfindlich, was leider weder in der Lebensmittelindustrie noch im Haushalt beachtet wird.

Diese ZusammenhĂ€nge bedeuten nicht, dass man auf Fisch ganz verzichten muss. Zwei Portionen im Rahmen einer gemĂŒsereichen ErnĂ€hrung in der Woche schaden nicht, sondern können möglicherweise nĂŒtzen. GerĂ€ucherter Fisch sollte gemieden werden.