Ernährung bei Prostatakrebs

Prostatakrebs: Weniger ist mehr.

Lebensweisheiten und evidenzbasierte Maßnahmen zur Ernährung und Lebensweise bei Prostatakrebs

Im Gegensatz zur modernen Medizin, in der sich das Wissen explosionsartig vermehrt und leider zuweilen aus einem vermeintlichen „Goldstandard“ innerhalb eines Jahrzehnts ein Kunstfehler wird, gibt es Grundregeln, die als Kompass durch den Dschungel der vielfältigen Ernährungsratschläge und Modetrends dienen können. An dem, was sich seit Jahr­tau­sen­den bewährt hat und die Jahrtausende überdauert hat, ist oft viel Wahres dran.

In allen Weisheitslehren und Religionen der Weltgeschichte galten Mäßigung und das rechte Maß als Weg­weiser durch die Herausforderungen und Extreme des Lebens und der Modetrends. Die „aurea mediocritas“, die goldene Mitte, also das richtige Maß zwischen dem Zuviel und Zuwenig, galt als Schlüssel zu Glück und Gesundheit. Freilich fanden die Römer dieses Maß nicht, sondern versanken in Maßlosigkeit und Dekadenz. Einzigartig ist jedoch, dass die Maßlosigkeit heute schon fast als Ideal gilt. Es ist ein bisher einzig­artiges Experiment, dass die Welt zunehmend kollektiv der Maßlosigkeit entgegenstrebt. „The American Way of Life“ wird systematisch globalisiert. In Bezug auf die Ernährung und auf Zivilisationserkrankungen ist dies nachweislich eine epidemiologische Katastrophe – ganz zu schweigen vom Effekt auf Umwelt, Nachwelt und Tiere.

Asien ist bis heute von den Lehren Buddhas, Laotses und Konfuzius‘ geprägt. Buddha lehrte letztlich den Mittleren Weg als Ideal. In der bedeutendsten Weisheitsschrift Indiens, der Bhagavad-Gita, sagt Krischna: „Wer Yoga praktiziert und im Essen, im Schlaf, in der Arbeit und in der Erholung maßvoll ist, kann alle materiellen Leiden lindern.“ Auch im Zentrum der Mönchs­regel des Heiligen Benedikt stand das Streben nach discretio, dem rechten Maß.

Diese alten Weisheiten reflektieren häufig auch die Schlussfolgerungen von seriöser Ernährungs­wissenschaft und Medizin. Denn das richtige Maß ist nicht nur entscheidend für eine gesunde Lebensweise, sondern auch für die Therapie des Arztes. Nicht selten gilt: Weniger ist oft mehr. Insgesamt ist die heutige westliche Lebenseinstellung geprägt von: je mehr, desto besser. Dies trifft auf alle Lebensbereiche zu und spiegelt sich insbesondere auch im Körpergewicht wider.

Schon Hippokrates empfahl: „Eure Lebensmittel sollen Eure Heilmittel sein und Eure Heilmittel sollen Eure Lebensmittel sein.“ Die Ernährung spielt offensichtlich eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit. Wer Maß hält – gewollt oder ungewollt –, hat die besten Voraussetzungen dafür, gesund alt zu werden und hat geringe Aufwendungen zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit. Das zeigt sich insbesondere weltweit, wenn man die vielen Millionen aktiver Greise in China und die langlebigen Menschen in Okinawa mit den Männern in Uruguay vergleicht, die nach unserem Verständnis „sehr gut“ gelebt haben. Uruguay gilt aufgrund seines seit vielen Jahrzehnten bestehenden, relativ stabilen Wohlstands als die Schweiz Südamerikas. 

Warum versterben Männer in Uruguay 13-mal öfter an Prostatakrebs als Chinesen?

Im Vergleich zu Chinesen, Thailändern und Vietnamesen versterben Männer in Uruguay 13-mal und Deutsche 6-mal häufiger an Prostatakrebs (s. Tabelle; Ferlay et al., 2010). 

Sehr interessant sind auch die Zahlen für die Schweiz, Schweden und Norwegen, die jahrzehntelang führend im Konsum von Milchprodukten, Fleisch und Zucker waren. Im Jahr 2000 war die altersstandardisierte Prostatakrebssterblichkeit mit 27 Todesfällen pro 100.000 Männer in allen drei europäischen Ländern 27-mal höher als in China (1 pro 100.000), 19-mal höher als in Vietnam (1,4 pro 100.000), 13,5-mal höher als in Südkorea (2 pro 100.000), 10-mal höher als in Thailand (2,65 pro 100.000) und immerhin noch 5-mal höher als in Japan (5,47 pro 100.000) (Ferlay et al., 2000).

Angesichts dieser Zahlen drängt sich die Frage auf: Ist die Entwicklung eines Prostatakarzinoms das Ergebnis von Genetik, Schicksal oder vor allem eines lebenslangen Ernährungsmusters? Dieser Artikel soll die These untermauern, dass die lebenslange Ernährungs- und Lebensweise die maßgeblichen Faktoren bei der Entwicklung des Prostatakarzinoms sind. Entscheidend ist hierbei nicht nur, was Prostatakrebskranke die letzten Jahre vor ihrer Erkrankung gegessen haben, sondern vielmehr ihr lebenslang praktiziertes Ernährungsmuster, das zur Entwicklung des Karzinoms beigetragen hat.

Grundverständnis der Tumorentstehung

Das klassische Dreistufenmodell beschreibt die Tumorentwicklung in den Abschnitten (Tumor-)Initiation, Promotion und Progression. Bei der Tumorinitiation, dem ersten Schritt der Kanzerogenese, erfährt die Zelle eine durch ein Kanzerogen ausgelöste Mutation. Diese kann nur dann persistieren, wenn sie nicht durch DNA-Reparaturenzyme beseitigt wird oder die Zelle nicht in die Apoptose (programmierter Zelltod) getrieben wird. Durch eine Initia­tion veränderte Zellen reagieren auf Tumorpromotoren (z. B. aus der Ernährung) in deutlich stärkerem Maße mit Proliferation als normale Zellen des gleichen Gewebes. In der Promo­tionsphase erfahren die initiierten Zellen über Jahre oder Jahrzehnte hinweg einen Wachstumsstimulus durch klonale Amplifikation und Selektion (Bildung präneoplastischer Zell­populationen mit identischen Mutationen), Steigerung des Zellwachstums, Hemmung der Apoptose und Interaktion mit Signaltransduktionsprozessen (z. B. infolge von Inflamma­tion). Die prämalignen Vorläufer des Prostatakarzinoms werden unter dem Begriff „prostatische intraepitheliale Neoplasie" (PIN) zusammengefasst (Foster et al., 2000). Autopsiestudien zufolge geht eine HGPIN (hochgradige prostatische intraepitheliale Neoplasie, Vorläufer des Prostatakarzinoms) dem Auftreten eines Prostatakarzinoms um etwa 10 Jahre voraus (Wu et al., 2004a).

Im Laufe des Lebens können sich beträchtliche Mengen an Kanzerogenen in der Prostata ansammeln. Hierzu zählen klassische Kanzerogene wie heterozyklische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die beim Braten, Schmoren oder Grillen von Fleisch auftreten, sowie exogene, östrogen wirksame Substanzen (Endocrine Disrupting Chemicals) wie z. B. PCB (Polychlorierte Biphenyle), Phthalate (verbreitete Weichmacher aus Kunststoff), Bisphenol A, etc. Diese wirken einerseits direkt kanzerogen, andererseits fördern sie die Zellproliferation durch ihre östrogene Wirkung. Auch Metalle wie Kupfer, Nickel und Eisen wirken proinflammatorisch, prooxidativ und auf diese Weise prokanzerogen.

Das androgenabhängige Prostatakarzinom hat paradoxerweise seine höchste Inzidenz zu dem Zeitpunkt im Leben des Mannes, an dem der Androgeneinfluss am niedrigsten und der Östrogeneinfluss am höchsten ist. Dies weist auf die besondere Bedeutung der Östrogene in der Kanzerogenese des Prostatakarzinoms hin. Mit dem Alter nehmen auch die Konzen­trationen der Östrogene zu, die den Östrogenrezeptor- (ER-)alpha aktivieren, während die Spiegel der typischen ER-beta-Agonisten (3-beta-Adiol, DHEA) abnehmen. Sojaisoflavone und Granatapfel-Polyphenole wirken u. a. protektiv, weil sie den protektiven ER-beta aktivieren und den ER-alpha blockieren (Jacob, 2008a). Besonders die fermentativen Abbauprodukte der Granatapfel-Polyphenole wirken schon bei sehr niedrigen Konzentrationen antiöstrogen und antiproliferativ (Larrosa et al., 2006).

Hormone (Androgene, Östrogene), Entzündungsprozesse und freie Radikale spielen als Promotoren des Prostatakarzinoms eine tragende Rolle. Der Vergleich der weltweiten Ernährungsmuster unterstreicht auch die zentrale Rolle der Ernährung (s. u.).

Die Progression eines benignen Tumors (d. h. der präneoplastischen Läsion) zum malignen (d. h. invasiven und metastasierenden) Tumor stellt die dritte Phase der Tumorentwicklung dar. Die Fähigkeit des Tumors zur Invasion und Metastasierung ist entscheidend für das Ausmaß der Morbidität und Mortalität von Tumorpatienten (Marquardt und Pfau, 2004). Insbesondere beim Prostatakrebs unterscheiden sich die Karzinome sehr stark in ihrer Aggressivität und Prognose.

Durch ihre Fähigkeit der unbegrenzten Selbsterneuerung und Apoptoseresistenz kommt Krebsstammzellen bei der Tumorentwicklung eine zentrale Rolle zu, die bisher unterschätzt wurde. Die Nische („microenvironment“) nimmt entscheidenden Einfluss auf die Krebsentwicklung. Dieses relativ neue Konzept weist viele Parallelen zu dem Konzept von Tumormilieu und Grundsubstanz auf, das aus den Arbeiten von Pischinger und Heine (2004) bekannt ist. Behandlungsverfahren, die gezielt gegen Tumorstammzellen gerichtet sind, können die eigentliche Saat der Krankheit zerstören, während eine Therapie des Tumormilieus noch weiter geht und dem Tumor den Wachstumsboden entzieht. Bei der Unkrautbekämpfung nützt es wenig, den Rasen zu mähen (so die Wirkungsweise herkömmlicher Chemotherapien, welche zwar Tumorzellen töten, aber nicht die Tumorstammzellen). Es ist hilfreicher, die Nährstoffzusammensetzung des Bodens so zu gestalten, dass vor allem die Nutzkräuter und nicht die Unkräuter gedeihen, und gleichzeitig mit Naturstoffen die Ausbreitung von Unkräutern und Schädlingen einzudämmen. Diesen präventiven Effekt erzielt in etwa eine pflanzenbasierte Ernährungsweise, die reich an sekundären Pflanzenstoffen mit Antikrebswirkung ist (s. Abb.).

 

Tumornische

 

Einflussfaktoren auf die Entstehung eines für die Tumorentwicklung günstigen Milieus

Mit einfachen Worten ausgedrückt: Die Tumorsaat entsteht immer und in jedem Körper, weil Zellen unter dem Einfluss endogener und exogener Karzinogene permanent entarten. Entscheidend für die Entstehung eines tödlichen Tumors ist daher der Nährboden, in dem er sich entwickelt. Hierbei spielt die Ernährung eine zentrale Rolle, weil sie nicht nur wesentlichen Einfluss auf unseren Hormonhaushalt (Geschlechtshormone, Stoffwechselhormone wie Insulin und Wachstumsfaktoren), unser Körpergewicht und unser Körpermilieu nimmt, sondern auch spezifische Schutz- oder Schadstoffe mit sich bringt. Daher empfahl Hippokrates ganz korrekt: „Eure Lebensmittel sollen Eure Heilmittel sein und Eure Heilmittel sollen Eure Lebensmittel sein.“

 

Belege aus der ganzen Welt

Weltweit korreliert das westliche Ernährungsmuster mit vielen Fleisch- und Milchprodukten sowie viel Zucker durchweg mit einer hohen Prostatakrebsmortalität, während das asiatische Ernährungsmuster auf Basis von Reis, Sojabohnen und Gemüse mit einer sehr niedrigen Mortalität einhergeht (s. Tabelle).

Traditionelle Ernährung in Okinawa

Die Ernährungsweise in asiatischen Ländern war ursprünglich sehr arm an tierischem Protein aus Milch und Fleisch. Die Bewohner von Okinawa stellten lange Zeit die langlebigste Population der Welt dar. Traditionell (1949) verzehrten sie pro Tag 15 g Fisch, nur 3 g Fleisch und so gut wie keine Milchprodukte (Willcox et al., 2007). Dementsprechend lag der Wert für die Proteinaufnahme aus tierischen Lebensmitteln bei lediglich 3,3 g pro Tag, die Proteinzufuhr aus pflanzlichen Lebensmitteln betrug dagegen 35,7 g. Das pflanzliche Protein stammte zu einem großen Teil aus Sojabohnen, die große Mengen an Isoflavonen enthalten. Isoflavone tragen aufgrund ihrer phytoöstrogenen Wirkung zum Schutz vor Prostatakrebs und Brustkrebs bei. Dennoch kann dies alleine die extrem niedrige Krebsrate nicht erklären. Wesentliche Merkmale der Okinawa-Ernährung waren immer auch reichlich Gemüse, Süßkartoffeln (Carotinoide), Tofu (Isoflavone), Kräuter, Gewürze (z. B. Kurkuma mit Curcumin) und Grüntee (Polyphenole wie z. B. Catechine) sowie insgesamt eine Ernährung mit einer relativ geringen Gesamtenergieaufnahme (Kalorienrestriktion), hoher Vitalstoff- und niedriger Kaloriendichte (Willcox et al., 2007). Mitte der 1990er Jahre war die absolute, nicht altersstandardisierte Prostatakrebsmortalität für Japaner (8/100.000) übrigens doppelt so hoch wie für die Männer auf Okinawa (4/100.000), obwohl diese älter wurden (Japan Ministry of Health and Welfare 1996, www.okicent.org). Okinawa liegt näher bei China und Taiwan als bei Japan – und dies gilt auch kulturell. Erst 1872 fiel es politisch Japan zu.

Traditionelle Ernährung in China

Auch in China wurden traditionell wenig Fisch und Fleisch sowie praktisch keine Milchprodukte konsumiert. Der Verzehr von Fleisch ist jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch um mehr als das 14-Fache angestiegen, beträgt aber immer noch nur etwa die Hälfte des westlichen Niveaus (Brown, 2009). Nach wie vor werden wenig Milchprodukte verzehrt, auch wenn der Trend neuerdings stark steigend ist. Der Fischkonsum hat sich seit den 1990er Jahren in etwa vervierfacht. Allem Anschein nach folgt China mit einigen Jahrzehnten Verzögerung dem Beispiel Japans, dessen Verwestlichung in den 1960er Jahren begann und dessen Prostatakrebsmortalität im Jahr 2008 altersstandardisiert um 150 % höher lag als in China, Vietnam oder Thailand (Ferlay et al., 2010). Allerdings erfolgt die Verwestlichung Chinas schneller und intensiver als in Japan, was sich bereits in rapide steigenden Zahlen für Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen äußert. Die altersstandardisierte Prostatakrebsmortalität ist in China seit 2000 bereits um 80 % gestiegen (Ferlay et al., 2000 und 2010).

Traditionelle Ernährung in Japan

The Cambridge World History of Food (2000) berichtet, dass Japan auf eine sehr alte Ernährungskultur ohne Fleisch- und Milchprodukte zurückblickt. Von 675 n. Chr. bis in das 15. Jahrhundert war das Essen von Säugetieren weitestgehend staatlich verboten – man nahm die Gewaltlosigkeit der buddhistischen Lehre ernst. Daher gab es auch keine Tierzucht. Milchprodukte konnten sich auch danach nie in Japan, China oder Korea etablieren, da die Laktoseintoleranz in diesen Ländern sehr hoch ist. Die Betonung der japanischen Küche lag darauf, den natürlichen Geschmack der Lebensmittel zu bewahren. Frischkost galt als Devise, auch Fisch wurde häufig roh verzehrt. Insgesamt basierte die japanische Ernährung auf fettarmer, pflanzlicher Kost mit Fischbeigabe. Dies hat sich im Zuge der Verwestlichung Japans seit dem 2. Weltkrieg zunehmend verändert, auch wenn besonders die älteren Japaner noch an ihren alten Ernährungsmustern festhalten, viel Wert auf eine schlanke Linie legen und besonders lange leben.

In den 1990er Jahren unterschied sich die Inzidenz von Prostatakrebs in den USA von der in Japan noch um einen Faktor von 10: In den USA lag das Auftreten jährlich bei etwa 120 (Weiße) bzw. bei fast 200 (Schwarze) pro 100.000 Einwohnern, in Japan nur bei etwa 12 (z. B. Matsuda und Saika, 2007).

Seit langem bekannt ist das Phänomen der verwestlichten Japaner: Wenn Japaner nach Kalifornien ziehen und „amerikanisiert“ werden, steigt ihr Prostatakrebsrisiko deutlich und nähert sich dem US-amerikanischen Niveau an (Kalifornisches Krebsregister 2002; www.ccrcal.org). Inzwischen hat auch die Verwestlichung im Land die zu erwartenden Ergebnisse erzielt. Nicht nur die Inzidenz liegt mittlerweile (2008) bei 23/100.000 und ist damit nur noch 73 % niedriger als in den USA (84/100.000) (Ferlay et al., 2010), auch die Mortalität ist stark angestiegen. Was ist geschehen?

Grüntee, Soja und Natto (traditionelle japanische Speise aus mit Bacillus subtilis fermentierten Sojabohnen, sehr reich an Vitamin K2) sind fundamentale Bestandteile der japanischen Ernährung. Neben hochwertigem pflanzlichem Protein, Ballaststoffen und B-Vitaminen enthält Soja auch reichlich Sojaisoflavone, insbesondere auch aus fermentiertem Soja (Miso), in dem die Sojaisoflavone bereits in ihrer bioaktiven Form vorliegen. Japan fällt unter den asiatischen Ländern durch seinen seit jeher relativ hohen Fischkonsum auf (Willcox et al., 2007), der sich seit 1950 um das 2,5-Fache erhöht hat. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges konnte weiterhin ein steigender Konsum an Milch (20-fach), Fleisch (9-fach) und Eiern (7-fach) verzeichnet werden. Die Prostatakrebsmortalität stieg in diesem Zeitraum um das 25-Fache an (Ganmaa et al., 2003). Dennoch ist die Prostatakrebsmortalität immer noch deutlich niedriger als in Europa, Südamerika und den USA. Die alten Generationen der Japaner haben sich viele Jahre traditionell ernährt und profitieren noch immer davon, weshalb die alten Japaner weltweit die zweithöchste Lebenserwartung erreichen (Willcox et al., 2012) und damit direkt hinter den vegetarisch lebenden Adventisten in den USA rangieren. Nach wie vor ist der Konsum von Milchprodukten und Fleisch im Vergleich zu anderen Industrienationen deutlich geringer. Seit etwa 20 Jahren findet in Japan ein Umdenken statt. Der American Way of Life verliert an Popularität, eine gesunde Lebensweise rückt ins Zentrum. Schlank- und Gesundsein sind zentrale gesellschaftliche Werte, die auch einen hohen sozialen Druck ausüben. Ein wichtiges Element: Die verzehrten Portionen sind viel kleiner als in Europa und den USA. Am Arbeitsplatz finden jährlich staatlich verordnete Gesundheits-Checkups statt, die die Messung des Bauchumfangs beinhalten. Wer durchfällt, wird aufgefordert, an Seminaren zu gesunder Lebensweise teilzunehmen. Dieser Bewusstseinswandel drückt sich auch in der weltweit höchsten Lebenserwartung (im Ländervergleich), den meisten gesunden Lebensjahren und einem Rückgang der Sterblichkeitsraten aufgrund diverser Krebsarten aus (Katanoda et al., 2013).

EPIC-Studie und Ernährung in Europa: reich an tierischem Protein und Fett

Die europäische EPIC-Studie liefert auf den ersten Blick keine herausragenden Ergebnisse bezüglich der ernährungsbedingten Ursachen von Prostatakrebs. Eine genauere Analyse der Daten zeigt allerdings den möglichen Grund: Die Männer in Europa ernähren sich inzwischen alle relativ ähnlich ungesund. Obwohl der Konsum von Fisch, Fleisch und Milch jeweils stark variiert, kann man am Konsum tierischen Proteins erkennen, dass tierische Lebensmittel die Hauptproteinlieferanten waren: Im Schnitt kamen 32 % des Proteins aus Fleisch, 9 % aus Käse, und 7 % aus Milch. Getreide lieferte 18 % der Proteinzufuhr. Selbst das niedrigste Quintil (das Fünftel der Bevölkerung, welches am wenigsten aufnimmt) liegt noch bei durchschnittlich 47 g tierischem Protein pro Tag. Das höchste Quintil hält sich bei 80 g pro Tag (Allen et al., 2008). Verglichen mit China essen die Europäer somit 4- bis 11-mal so viel tierisches Eiweiß in Form von Fleisch, Wurst, Käse, Milch, Eiern und Fisch. Und die europäischen Männer mit dem geringsten Verzehr an tierischem Eiweiß nehmen sogar mehr als 14-mal so viel davon zu sich als die Bewohner Okinawas. Interessant ist hierbei, dass die deutsche Ernährung im 18. Jahrhundert (Lemnitzer, 1977) in Bezug auf die Makronährstoffe noch der traditionellen Ernährung von Okinawa ähnelte.

Der EPIC-Studie zufolge steigert ein hoher Verzehr von Milchprotein das Prostatakrebsrisiko um 22 % (Allen et al., 2008). Ursache hierfür sind u. a. erstens die damit verbundene hohe Aufnahme von Calcium, das laut World Cancer Research Fund und American Institute for Cancer Research (WCRF, 2007) „wahrscheinlich“ das Prostatakrebsrisiko erhöht, zweitens die in der Milch enthaltenen insulinähnlichen Wachstumsfaktoren wie IGF-1 und drittens die besondere Wirkung des Milchproteins, die IGF-1-Serumspiegel beim Menschen zusätzlich zu erhöhen (Norat et al., 2007; Miura et al., 2007; Parrella et al., 2013). Vor allem tierische Lebensmittel sind reich an Aminosäuren, die erhöhte IGF-1-Serumspiegel verursachen können (Allen et al., 2002; Clemmons et al., 1985). Eine Reduktion der Proteinaufnahme (Smith et al., 1995) und eine rein pflanzliche Ernährungsweise (Allen et al., 2000 und 2002) haben dagegen niedrigere IGF-1-Spiegel zur Folge.

Auffallend ist in Europa der starke Anstieg des Fleischkonsums in den Mittelmeerländern wie z. B. Spanien, Portugal und Griechenland, wo sich der Fleischkonsum seit 1961 etwa verfünffacht hat (Brown, 2009). Von der mediterranen Ernährungsweise ist nicht mehr viel übrig geblieben, was sich auch in der Prostatakrebsmortalität widerspiegelt (Ferlay et al., 2010). Da scheint auch das viele Sonnenlicht mit der damit einhergehenden höheren Vitamin-D-Synthese nicht mehr ausreichend protektiv zu wirken.

Da nach den vorliegenden Erkenntnissen Fleisch, Wurst und Milchprodukte die Entwicklung von Prostatakrebs ähnlich fördern, überrascht das Ergebnis der EPIC-Studie nicht. Es erklärt vielmehr, warum deutlich protektive Effekte nur dann zu erwarten sind, wenn man grundsätzlich sein Ernährungsmuster ändert und sich überwiegend pflanzlich ernährt, statt einfach nur Wurst oder Fleisch mit Käse, Joghurt und Milch zu ersetzen. Insbesondere Joghurt korrelierte in der EPIC-Studie mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko (Allen et al., 2008). Wie wirkungsvoll die Verwendung von Sojadrink als Kuhmilch-Alternative ist, zeigte eine Studie von Jacobsen et al. (1998): Männer mit einem hohen Konsum an Sojadrink senkten ihr Risiko für Prostatakrebs um 70 %.

Schweden steht mit seinem hohen Fischkonsum stellvertretend für die skandinavischen Länder (NOAA, 2011). Die Zahlen der Prostatakrebsmortalität in Schweden (20/100.000), Norwegen (19/100.000) und Island (18/100.000) (Ferlay et al., 2010) zeigen, dass der hohe Fischkonsum in diesen Ländern darauf jedoch keine vorteilhaften Auswirkungen hat.

Ernährung in Uruguay: seit Jahrzehnten besonders viel Fleisch und Milch

Die Einwohner von Uruguay haben sich zeitlebens konträr zu den Asiaten ernährt. Das südamerikanische Land pflegt seit vielen Jahrzehnten einen extrem hohen Konsum von rotem Fleisch (Instituto Nacional de Carnes, 2011) und von Milchprodukten (MercoPress, 2011). Nach WHO-Zahlen von 2008 sterben Männer in Uruguay 13-mal häufiger an Prostatakrebs als Chinesen, Thailänder und Vietnamesen (Ferlay et al., 2010). Auch die Qualität des Rindfleisches ändert daran nichts: Es handelt sich um Weidenrind, dessen Qualität am 15.12.2009 sogar in der New York Times in einem ausführlichen Artikel gerühmt wurde (The New York Times, 2009). Eine hohe Zufuhr der Omega-3-Fettsäure alpha-Linolensäure (ALA), die in Uruguay vor allem auch durch den Verzehr von Weidenrind aufgenommen wird, wirkt hier nicht günstig, sondern erhöht das Prostatakrebsrisiko um den Faktor 3,91 (De Stéfani et al., 2000).

Dieses lebenslange Ernährungsmuster der Uruguayaner dürfte eine wesentliche Ursache für die sehr hohe Mortalität durch Prostatakrebs, Brustkrebs und Darmkrebs sein, die das Land trotz seines optimalen Klimas und seines gut ausgebauten Sozial- und Gesundheitssystems aufweist. Frauen in Uruguay (24,3/100.000) versterben mehr als 4-mal so häufig an Brustkrebs wie Chinesinnen (5,7/100.000). Die Dickdarmkrebsmortalität beider Geschlechter ist immerhin noch 2,3-mal so hoch wie in China (16,2 vs. 6,9/100.000) (Ferlay et al., 2010). Auch Migrationsstudien zeigen: Wer von Ländern mit niedrigem Krebsrisiko nach Uruguay zieht, dessen Risiko für Prostata-, Brust-, Speiseröhren-, Dickdarm- und Gebärmutterkrebs passt sich den erhöhten Raten in Uruguay an (De Stéfani et al., 1990).

Ein hoher Verzehr von rotem Fleisch erhöht in Uruguay auch das Risiko für Krebserkrankungen des Hals- und Rachenraums (um den Faktor 3,65), der Speiseröhre (Faktor 3,36), des Kehlkopfes (Faktor 2,91), des Magens (Faktor 2,19), des Dickdarms (Faktor 3,83), der Lunge (Faktor 2,17), der Brust (Faktor 1,97), der Prostata (Faktor 1,87), der Blase (Faktor 2,11), und der Nieren (Faktor 2,72). Ähnliche Korrelationen wurden nicht nur für rotes Fleisch, sondern auch für die Gesamtaufnahme von Fleisch ermittelt (Aune et al., 2009).

In einer Fall-Kontroll-Studie in Uruguay ergab der Vergleich des höchsten mit dem niedrigsten Quartil der Verzehrmenge von rotem Fleisch folgende Zusammenhänge mit dem Risiko für Prostatakrebs: Rotes Fleisch erhöhte das Risiko um 100 %, süße Nachspeisen um 80 %, eine hohe Energiezufuhr um 90 %, und eine hohe Gesamtfettaufnahme um 80 %. Dagegen senkten viel Gemüse und Früchte das Risiko um 50 %, sowie Vitamin C und Vitamin E aus der Nahrung um 60 % bzw. 40 % (Deneo-Pellegrini et al., 1999).

Warum man Wurst nicht mit Käse, sondern mit Tofu und Gemüse ersetzen sollte 

Im Gegensatz zu den Menschen in Uruguay ernähren sich Chinesen traditionell von viel isoflavonreichem Soja und Gemüse. Insbesondere der zu den Kreuzblütlern zählende Chinakohl und andere Kohlsorten sind Grundnahrungsmittel. Die protektive Wirkung eines hohen Gemüse­konsums in Bezug auf die Entwicklung eines fortgeschrittenen Prostatakarzinoms (Stadien III oder IV) belegt eine Studie von Kirsh et al. (2007). Männer, die viel Gemüse verzehrten, hatten ein um 59 % reduziertes Risiko im Vergleich zu Männern mit einem geringen Gemüseverzehr. Dieser Effekt wurde zu 40 % auf die Wirkung von Gemüsesorten zurückgeführt, die zu den Kreuzblütlern zählen. Insbesondere Brokkoli und Blumenkohl führten zu einer beachtlichen Risikominderung (um 45 % bzw. 52 %), wenn sie häufiger als einmal pro Woche verzehrt wurden verglichen mit einem Konsum von weniger als einmal pro Monat. Den protektiven Effekt von Kreuzblütlern auf die Entwicklung eines nicht-metastatischen Prostata­tumors zu einem progressiven Tumor zeigten auch Richman et al. (2012). Männer mit dem höchsten Verzehr (höchstes Quartil) hatten ein um 59 % vermindertes Risiko verglichen mit dem geringsten Verzehr (niedrigstes Quartil). Chinakohl und Pak Choi, die in China sehr häufig verzehrte Gemüsearten sind, dürften ähnlich günstige Effekte haben: Sie sind reich an Vitamin C, Carotinoiden und Glukosinolaten wie z. B. Sulforaphan.

Hohe Gesundheitsausgaben schützen nicht vor Krankheit und Tod

Auch wenn Uruguay seine besten Zeiten hinter sich hat, geben die Männer dort für ihre Gesundheit bzw. ihre Krankheiten das 3-Fache der Chinesen aus und können sich das auch leisten. Dennoch haben sie eine kürzere Lebenserwartung (WHO, 2013a). Die Deutschen ließen sich 2011 ihre Gesundheit das 10-Fache der Chinesen kosten (WHO, 2013a) – bei identisch vielen gesunden Lebensjahren (healthy life years) (Jagger et al., 2008). Schockierend für das deutsche Gesundheitssystem dürfte auch sein, dass im Jahr 1981 ein 65-jähriger Chinese, der eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit, Infektionen und Hungersnöte überlebt hat, in einem völlig unterentwickelten Gesundheitssystem mit einem winzigen Bruchteil des Kostenaufwandes fast die gleiche Restlebenserwartung wie ein Deutscher erreichte. Im Alter von 65 Jahren hatte er im Schnitt noch 12,44 Jahre zu leben, insgesamt also 77,44 Jahre (Zhang und Zhu, 1984), der 65-jährige Deutsche noch weitere 13,09 Lebensjahre, insgesamt also 78,09 Jahre (Statistisches Bundesamt, 2012).

Leben wir wirklich immer länger? Oder: Wie der enorme Fortschritt der Medizin von Zivilisations­krankheiten fast neutralisiert wird.

Dass wir immer älter werden, ist vor allem korrekt in Bezug auf die Lebenserwartung bei Geburt. Da lagen die Deutschen 1871-81 bei 35,58 Jahren (Männer) bzw. 38,45 Jahren (Frauen). Doch zur gleichen Zeit hatte ein 65-jähriger Deutscher, der die hohe Säuglingssterblichkeit und Infektionserkrankungen überlebt hatte, eine Restlebenserwartung von 9,55 Jahren, insgesamt wurde der Mann also im Schnitt 74,55 Jahre alt. 1980-82 lag der deutsche 65-jährige Mann bei 78,09 Jahren Lebenserwartung und im Jahr 2009-11 bei 82,48 Jahren. Eine 65-jährige Frau hatte 1871-81 eine Restlebenserwartung von 9,96 Jahren, also insgesamt 74,96 Jahre, 1980-82 waren es 81,77 Jahre sowie 85,68 Jahre im Zeitraum 2009-11 (Statistisches Bundesamt, 2012a). Zwischen 1871-81 und 2009-11 verlängerte sich die Lebenserwartung für einen 65-jährigen Mann also um lediglich 8 Jahre, doch wie viele davon werden in häuslicher Pflege oder in Pflegeheimen verbracht?

Im gesunden Altwerden sind die Deutschen weltweit nicht führend, doch in Sachen „Kosten des Gesundheitssystems“ zählen wir zur Spitze. Der Fortschritt der Medizin bekämpft mit gewaltigem Kostenaufwand und hohem Leidensdruck der Betroffenen vor allem Krankheiten, die 1871-81 eine Seltenheit waren, weil Zivilisationserkrankungen nur bei der Oberschicht auftraten. Es wundert daher nicht, dass in allen Ländern, wo der westliche Lebensstil Einzug hält, Zivilisationserkrankungen explosionsartig zunehmen. In den USA, wo der westliche Lebensstil auf die Spitze getrieben wird, steigt die Lebenserwartung nicht mehr, sondern befindet sich vor allem bei den sozial Schwächeren im Sinkflug. Bei weißen US-Amerikanerinnen ohne höhere Bildung ging seit 1990 die Lebenserwartung bereits um 5 Jahre zurück, Männer ohne höhere Bildung verloren 3 Jahre Lebenserwartung (Olshansky et al., 2012). Dies kann uns einen Vorgeschmack auf die Zeiten eines wirtschaftlich geschwächten, aber ungesund fehl- und überernährten Europas geben.

Zusammenfassung: Der Vergleich von weltweiten, extrem unterschiedlichen Ernährungsmustern kann die außergewöhnlich hohe bzw. niedrige Prostatakrebs­mortalität in Uruguay bzw. China und Asien erklären. Die altersstandardisierte Prostatakrebsmortalität unterscheidet sich aktuell (2008) global gesehen um den Faktor 13. Die europäische EPIC-Studie dokumentiert vor allem, dass sich die Einwohner der europäischen Länder inzwischen relativ ähnlich ernähren und im Vergleich zu Asiaten ein Vielfaches an tierischem Protein zu sich nehmen. Für einen hohen Konsum von Milchprodukten ergab die EPIC-Studie ein 1,22-fach erhöhtes Prostatakrebsrisiko (Allen et al., 2008). Im Gegensatz zur traditionellen Ernährung in Asien ist die Ernährung in den westlichen Ländern und vielerorts in Südamerika gekennzeichnet durch einen hohen Gehalt an tierischen Lebensmitteln und Zucker, aber wenig Ballast- und Pflanzenstoffen. In Uruguay stellt die jahrzehntelang praktizierte Ernährungsweise mit einem übermäßigen Konsum von Fleisch und Milch den Hauptrisikofaktor dar. Die Asiaten dagegen nehmen traditionell nicht nur viel weniger tierische Lebensmittel zu sich, sondern auch große Mengen protektiv wirksamer pflanzlicher Kost wie Soja, Gemüse, Kohl, Kräuter, Pilze und Grüntee. Die Deutschen liegen nicht nur im Konsum von Fleisch und Milchprodukten, sondern auch in der Prostatakrebsmortalität im internationalen Mittelfeld. Sinnvoll wäre es also, das Wurstbrot nicht durch ein Käsebrot zu ersetzen, sondern mehr Pflanzenkost, wie z. B. Tofu, reichlich Gemüse, Kräuter und Gewürze, zu verzehren. Das wäre nicht nur gut für die Prostata, sondern auch für das Herz-Kreislauf-System. Daneben spielen auch regelmäßige Bewegung, Frischluft, Sonnenlicht und ausreichend Entspannungsphasen eine wichtige Rolle.

Weltweite Ernährungsmuster: 13-mal höhere Mortalität in Uruguay als in China

Region

Lebens-erwartung (m/w)

Prostata-krebs-mortalität
ASR**

Fisch g/Tag

Fleisch g/Tag

Proteinverzehr (g/Tag)

1961

2002

Protein aus Milch-produkten

Tierisches Protein gesamt

Pflanz-liches Protein

China

74/77(1)

2(5)

22 g*(7)/
84 g(9)

10 g(11)

144 g(11)

2 g(18)

7 - 11 g(14,15)


51 g(15)

Okinawa

79/87(2)

(2)(6)

15 g*(8)

3 g (1949)(8)

  -

< 0,1 g*(8)

3,3 g*(8)

35,7 g*(8)

Japan

79/86(1,2)

5(5)

62 g*(8)/
153 g(9)

21 g(11)

120 g(11)

< 1 g*(8) /7(18)

44 g(15) inkl. Fisch(9)

43 g(15)

EPIC-Studie  (1.-5. Quintil)

77/83(3)

12(5)

18 g-
78 g(10)


76 g -194 g(10)

10 - 27 g(10)

47 -
80 g(10)

29 -
47 g(10)

Deutschland

78/83(1,4)

12(5)

42 g(9)

175 g(11)

225 g(11)

17,3 g(17)

62 g(15)

35 g(15)

Schweden

80/84(1)

20(5)

88 g(9)

138 g(11)

208 g(11)

25,2 g(17)

60 g(15)

30 g(15)

Uruguay

73/80(1)

26(5)


315 g(11)

252 g, davon 162 g aus Weidenrind(12)

20,8 g(13)

65 g(16)

35 g(16)

 

*: traditionelle Ernährung (China: 1981-90; Okinawa: 1949; Japan: 1950)

**:ASR: age-standardised rate; Todesfälle pro 100.000

 

Quellen:

(1)  WHO-Daten für 2009 (2013a): www.who.int/countries/en; (2)  Willcox et al., 2012; (3)  European Commission, 2012; (4)  Statistisches Bundesamt, 2012a; (5)  Ferlay et al., 2010; (6)  Altersstandardisierte Rate auf Basis von Japan Ministry of Health and  Welfare 1996; (7)  Dey et al., 2005; (8)  Willcox et al., 2007; (9)  NOAA, 2011; (10) Allen et al., 2008; (11) Brown, 2009; (12) Instituto Nacional de Carnes, 2011; (13) MercoPress, 2011; (14) Campbell und Campbell (2006); (15) Frassetto et al., 2000; (16) Konservativer Schätzwert aufgrund des Fleisch- und Milchkonsums in Uruguay und Werte für Argentienien aus Frassetto et al., 2000; (17) Westhoek et al., 2011; (18) FAO (2010).

 

Prostatakrebs ist nicht gleich Prostatakrebs

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes und oft ein langsam wachsendes Alterskarzinom. Die Diagnose Prostatakrebs darf nicht als Todesurteil aufgefasst werden. Aus US-Studien (Rullis et al., 1975; Sakr et al., 1994) ist bekannt, dass 60 bis 70 % der älteren Männer mit einem Prostatakarzinom, jedoch nur 3 % an einem Prostatakarzinom (Jemal et al., 2006) versterben. Das Robert Koch Institut geht für 2012 von 67.700 Neuerkrankungen aus und einer 5-Jahres-Prävalenz von 251.700. In Deutschland wurden im Jahr 2011 81.548 Prostatakrebspatienten vollstationär im Krankenhaus behandelt (Statistisches Bundesamt, 2012a). Mit 13.324 Verstorbenen ist Prostatakrebs 2011 bei Männern insgesamt die sechsthäufigste Todesursache nach KHK, Lungenkrebs, Herzinfarkt, chronisch obstruktiver Lungenkrankheit und Herzinsuffizienz, berichtet das Statistische Bundesamt (2012b).

Die 5-Jahres-Überlebensraten hängen vom Tumorstadium zum Zeitpunkt der Diagnose­stellung ab: Sie betragen etwa 80 % oder höher, wenn sich der Tumor auf die Prostata beschränkt. Sind Metastasen vorhanden, geht die Quote auf 25 % zurück. Ein PSA-Screening zur Früherkennung ab dem 45. Lebensjahr dürfte daher im Rahmen einer Prostata­karzi­nom­vor­sorgeuntersuchung sinnvoll sein, wenn sie nicht automatisch zur Übertherapie führt. Auch hier kann „weniger Therapie manchmal mehr Lebensqualität bedeuten“. Der PSA-Befund oder der PCA3-Urintest geben leider wenig Aufschluss über die Bösartigkeit, die Lage und die Ausdehnung des Karzinoms. Ist es ein relativ langsam wachsendes, noch gut differenziertes Karzinom, mit dem der Patient alt werden kann? Oder handelt es sich um einen „Raubtierkrebs“ (Julius Hackethal) mit einer hohen Aggressivität? Die Aussichten hängen sehr eng mit der Art und Ausbreitung des Tumors zusammen.

Die Patienten, die sich für die Methode des „active surveillance“ (aktive Überwachung) entscheiden, wägen Nebenwirkungen und Nutzen einer frühzeitigen, invasiven Therapie (OP, Bestrahlung) ab. Durch „active surveillance“ unter Aufsicht eines Arztes können immer noch rechtzeitig kurative Schritte unternommen werden, wenn diese aufgrund eines Fortschreitens der Krankheit nötig werden sollten. Ein aktuelles Review von Weißbach und Altwein (2009) im deutschen Ärzteblatt kommt zur wichtigen Schlussfolgerung: Die 88 gesichteten Studien zur aktiven Überwachung weisen konsistent hohe tumorspezifische Überlebensraten (99 bis 100 %) für die aktive Überwachung auf. Alle sieben recherchierten Leitlinien zur Behandlung des PCa seit 2006 erwähnen in ihren Empfehlungen die aktive Überwachung als Therapieoption für PCa mit geringem Progressionsrisiko. Das National Institute of Clinical Excellence, Großbritannien, empfiehlt in diesem Fall sogar ausschließlich die aktive Überwachung als Behandlungsstrategie.

Wie wichtig die Lebensweise ist, zeigt folgender Zusammenhang: Obgleich weltweit die in Autopsien entdeckten Prostatakarzinome ungefähr gleich häufig auftreten (Breslow et al., 1977; Delongchamps et al., 2006), ist das tatsächliche Auftreten von Prostatakrebs von großen geographischen Unterschieden geprägt.

Welchen Einfluss die Ernährungsgewohnheiten in unterschiedlichen Regionen der Welt auf die regionale Prostatakrebsmortalität ausüben, wurde bereits ausführlich dargestellt (s. oben).

Mehr Lebensqualität dank Prostatakrebs – ist das möglich?

Prostatakrebs-Patienten haben häufig einen starken Willen, ihren Gesundheitszustand aktiv durch Veränderungen ihrer Lebens- und Ernährungsweise zu verbessern. Darin liegt eine große Chance, nicht nur das Prostatakrebs-spezifische Leben deutlich zu verlängern, sondern die Lebensdauer und vor allem auch die Lebensqualität insgesamt zu erhöhen. Dieser Wille, selbst Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, ist vielleicht der wichtigste Faktor für ein langes Leben. Gesunde Ernährung und Lebensweise nicht als Last, sondern aus Freude am Leben. Das Gefühl der Selbständigkeit, Selbstverantwortung und eigenen Einflussmöglichkeit ist in sich ein wichtiger präventiver und wohl auch kurativer psychologischer Faktor, worauf auch die Arbeiten von Roland Grossarth-Maticek (Auto­no­mie­training, Grossarth-Maticek, 2002) und Aaron Antonovsky (Salutogenese) hinweisen.

Gewiss kann einer Erkrankung eine genetische Disposition zugrunde liegen, doch über 70 % liegen in unserer Hand. Zwar verdoppelt die familiäre Vorbelastung eines Prostatakarzinoms in etwa das Erkrankungsrisiko. Doch können unsere Gene und deren Expression durch unsere Ernährung und Lebensweise positiv oder auch negativ verändert werden. Forscher um Dean Ornish von der University of California hatten in der viel beachteten GEMINAL-Pilotstudie (Ornish et al., 2008a) 30 Männer mit Prostatakrebs rekrutiert. Diese mussten ihren Lebensstil radikal umstellen: Sie ernährten sich gesund (fettarme pflanzliche Vollwertkost), nahmen Nahrungsergänzungsmittel, gingen 6 Tage pro Woche mindestens 30 Minuten spazieren, machten Stress-Management-Kurse (Yoga, Atemübungen, Meditation, Visualisierungsübungen, progressive Muskel­ent­spannung) und nahmen einmal in der Woche an einer gemeinsamen Gruppensitzung teil. Die Mediziner entnahmen den Probanden sowohl vor als auch drei Monate nach dieser Inter­vention Biopsien der Prostata. In diesen konnten die Forscher Veränderungen der Ex­pression für mehrere hundert Gene nachweisen. Für die Tumorbildung wichtige Gene wurden herunterreguliert, dagegen waren krebsbekämpfende Gene aktiver als vor der Lebens­stilumstellung.

Dass diese Auswirkungen auch von prognostischer Relevanz sind, zeigte eine weitere Studie von Ornish, in der durch die gleiche Lebensstilintervention sich die Ergebnisse eines „kon­trollierten Abwartens“ (active surveillance) deutlich verbessern ließen. Das Fortschreiten des Prostatakarzinoms zu einer notwendigen invasiven Therapie konnte durch die oben be­schrie­benen Maßnahmen um mindestens 2 Jahre verzögert werden (Frattaroli et al., 2008). Nach zwei Jahren mussten sich nur 5 % der Ornish-Gruppe einer invasiven Therapie unter­ziehen, während das Fortschreiten der Erkrankungen 27 % der Kontrollgruppe zu einer invasiven Therapie zwang.

In einer kleinen Studie aßen 14 Patienten mit rezidivierendem Prostatakrebs über 6 Monate eine fettarme, pflanzliche Ernährung und praktizierten Stressmanagement. Vier von zehn auswertbaren Patienten hatten ein absolutes Absinken des PSA-Wertes, neun von zehn hatten eine deutliche Verlängerung der PSA-Verdopplungszeit – im Median von 11,8 Monaten auf 112,3 Monate (Saxe et al., 2006). Diese Lebensstilinterventionen haben wichtige positive „Nebenwirkungen“:

  • Die Lebensqualität der Studienteilnehmer stieg deutlich im Vergleich zu der Kontrollgruppe
  • Ausgesprochen positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System, wie z. B. 90 %ige Reduktion von Angina Pectoris Anfällen und Rückgang der Stenosen in Herzkranzgefäßen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (Ornish et al. 1998).

Die aktuelle Studienlage weist insgesamt auf die hohe Bedeutung einer pflanzenreichen Kost und bestimmter Pflanzenstoffe in Bezug auf die Prävention, das Fortschreiten und das Überleben bei Prostatakrebs hin (Berkow et al., 2007). Es gilt auch als wissenschaftlich gesichert, dass regelmäßige Bewegung sowie Normalgewicht das Risiko eines Prostata­kar­zi­noms deutlich senken.

Der im 10. Kapitel von „Dr. Jacobs Weg des genussvollen Verzichts“ beschriebene Ernährungsplan kann insbesondere übergewichtigen Prostata­krebspatienten helfen, ihr Gewicht auf eine nachhaltige und gesunde Weise zu normalisieren. Hierbei sind auch alle bisherigen Erkenntnisse zur Ernährungstherapie von Prostatakrebs berücksichtigt.

Ernährung – weniger ist mehr 

Hierzulande leidet unsere Gesundheit insgesamt heute mehr unter Überfluss als an Mangel. Übergewicht erhöht das Prostatakrebsrisiko deutlich.

Die aktuellen S3-Leitlinien zum Prostatakrebs sprechen folgende Empfehlungen aus:

Achten Sie auf eine gesunde Ernährung mit Schwerpunkt auf pflanzlichen Lebensmitteln:

  • Essen Sie jeden Tag verschiedene Obst- und Gemüsearten.
  • Essen Sie lieber Vollkorn- als Weißmehlprodukte. 
  • Begrenzen Sie die Zufuhr von Fleischprodukten und rotem Fleisch.

 

Streben Sie ein gesundes Gewicht an:

  • Achten Sie auf eine gesunde Balance von Energie (Kalorien) und körperlicher Aktivität.
  • Vermeiden oder reduzieren Sie Übergewicht und versuchen Sie, Ihr erreichtes gesundes Gewicht zu halten.
  • Der gesündeste Weg, die Energiezufuhr zu reduzieren, ist eine Reduktion bzw. der Verzicht auf zusätzlichen Zucker, gesättigte oder Transfettsäuren und Alkohol.
  • Alle diese Nahrungsmittel sind sehr energiereich und enthalten zu wenig oder keine essentiellen Nahrungsbestandteile wie Vitamine, Mineralien oder Ballaststoffe. 
Risikofaktor Fleisch

Das Risiko für das Prostatakarzinom erhöht sich deutlich mit dem Konsum von Fleisch, insbesondere von rotem und verarbeiteten Fleisch. In einem Review wurden die verfügbaren großen Fall-Kontroll- und Kohorten-Studien analysiert: Von 22 Studien zeigten 16 ein um mindestens 30% erhöhtes Risiko (Kolonel, 2001). In der Health Professionals Study (51.529 Männer) der Harvard Universität erhöhte der reichliche Verzehr von rotem Fleisch das Risiko für das metastasierende Prostatakarzinom um 60 %; tierische Fette um 63 % und Milchprodukte um 40 % (Michaud et al., 2001).

Sicherlich spielen hierbei auch die klassischen Kanzerogene wie heterozyklische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die beim Braten, Schmoren oder Grillen des Fleisches auftreten, eine Rolle (Giovannucci et al., 1993). Hoher Fleischkonsum erhöht auch das Risiko von Brustkrebs und Darmkrebs. Epidemiologische Zusammenhänge sind auch mit Nieren-, Lungen und Pankreaskrebs nachgewiesen (Department of Health, Nutritional Aspects of the Development of Cancer, 1998).

Eine neue Meta-Analyse von Alexander et al. (2010) ergab keine unabhängige Assoziation zwischen Prostatakrebsrisiko und dem Verzehr von Fleisch. Die Studie war sicher ihr Geld wert: Die Studie wurde mit der freundlichen finanziellen Unterstützung des Cattlemen’s Beef Board und der National Cattlemen’s Beef Association gefördert. Zwei der drei Autoren gehören zu einem Wirtschaftsunternehmen: www.exponent.com

Eine Studie von Colli und Colli (2005), die den Einfluss verschiedener Ernährungsmuster auf die altersstandardisierte Prostatakrebsmortalität in den USA untersuchte, ergab eine stark positive Korrelation zum Gesamtfleischkonsum (rotes Fleisch, Geflügel und Fisch). Die seit den frühen 90er Jahren sinkende Prostatakrebsmortalität ist dabei wahrscheinlich auf die vermehrte Früherkennung durch PSA-Screenings zurückzuführen.

 

Zusammenhang zwischen Prostatakrebsmortalität und Gesamtfleischkonsum in den USA (aus: Colli und Colli, 2005) 

Risikofaktor Milch

Der übermäßige Verzehr von Milchprodukten, die reichlich IGF-1, tierisches Protein und Calcium liefern, erhöht deutlich das Prostatakrebsrisiko. Das ergab die EPIC-Studie (European Pro­spective Investigation into Cancer and Nutrition) an 142.251 Männern. Dort ergab sich ein 22 % höheres Prostatakrebsrisiko für Milchprotein und Calcium aus Milch (höchstes Quintil im Vergleich mit dem niedrigsten). Ein hoher Verzehr von Milchprodukten führt unter anderem zu erhöhten Blutspiegeln des Wachstumsfaktors IGF-1 (Insulin-like Growth Factor-1) und zu einer hohen Calciumaufnahme. Zur gleichen Warnung kamen Chan und Mitarbeiter in ihrer Meta-Analyse (2001), die in 12 von 23 Studien eine positive Korrelation von Milchprodukten mit Prostatakrebs feststellten.

In einer Studie von Ganmaa et al. (2002) wurde der Einfluss der Ernährung von 42 Ländern auf die Mortalität von Prostatakrebs untersucht. Die Studie ergab, dass der Verzehr von Milch am stärksten mit der Prostatakrebsmortalität korrelierte.

Korrelation zwischen Prostatakrebsmortalität und Milchkonsum (adaptiert nach: Ganmaa et al., 2002)

In der bekannten Physicians' Health Study mit 21.660 Teilnehmern erhöhten sowohl der Konsum von Magermilch als auch von Vollmilch das Auftreten von Prostatakrebs. Ein hoher Vollmilchkonsum nach der Diagnosestellung steigerte sogar das Risiko für einen tödlich verlaufenden Prostatakrebs um 117 % (Song et al., 2013). Die Adventist Health Study 1 (Jacobsen et al., 1998) ergab, dass Männer, die mehr als einmal am Tag Sojamilch tranken, ihr Risiko für Prostatakrebs um 70 % senkten. Dieses Ergebnis beruht wohl nicht nur auf der Sojamilch, sondern auch auf der damit automatisch einhergehenden Reduktion des Milchkonsums.

Allen et al. stellten in zwei Studien mit Veganern, Vegetariern und Normal­köstlern fest, dass Veganer über deutlich niedrigere IGF-1-Konzentrationen und höhere Konzentrationen an IGF bindenden Proteinen (IGFBP) als Misch­köstler verfügen (Allen et al., 2002; Allen et al. 2000). Mehreren Studien zufolge ist eine gesteigerte Expression von IGF-1 (Norat et al., 2007; Miura et al., 2007; Parrella et al., 2013) sowie eine verminderte Expression von IGFBP-3 (Parrella et al., 2013) mit dem vermehrten Konsum tierischen Proteins, und insbesondere von Milch assoziiert.

Die Physicians‘ Health Study zeigt zudem, dass IGF-1 und IGFBP-3 entscheidende Parameter für den Übergang zu einem fortgeschrittenen Prostatakarzinom sind. In der Studie wurde der Zusammenhang zwischen Prostatakrebs und den IGF-1- und IGFBP-3-Plasmakonzentrationen untersucht. Männer mit einem hohen IGF-1-Wert und einem niedrigen IGFBP-3- (IGF bindendes Protein-3) Wert wiesen das 9,5-fache Risiko für einen fortgeschrittenen Prostatakrebs auf, unabhängig vom Gleason-Score. Ein hoher IGF-1-Wert ging dabei mit einer Risikosteigerung um 410 % einher, ein hoher IGFBP-3-Wert senkte hingegen das relative Risiko um 80 % (Chan et al., 2002).

Risikofaktor tierische Lebensmittel und Zucker

In einer Studie von Colli und Colli (2006) wurden die Ernährungsgewohnheiten (38 Lebensmittel) und die Sonnenexposition in 71 Ländern mit der jeweiligen altersstandardisierten Prostatakrebs­mortalität auf Zusammenhänge hin überprüft. Der Konsum von Gesamtkalorien aus tierischen Lebensmitteln, Gesamtkalorien aus tierischem Fett, Fleisch, tierischem Fett, Milch, Zucker und alkoholischen Getränken korrelierte mit erhöhten Prostatakrebs­mortalitäts­raten. Der hohe Konsum von tierischen Lebensmitteln (R = 0,7) und Zucker (R = 0,71) erhöhten die Prostatakrebsmortalität am stärksten. Der Faktor Sonnenlicht, der Verzehr von Ölsamen, Sojabohnen und Zwiebeln korrelierten hingegen mit einem verminderten Risiko für Prostatakrebsmortalität, genauso wie Getreide und Reis, der eine hohe protektive Wirkung zeigte. Diese Studie zeigt eindrucksvoll, wie wichtig nicht nur eine pflanzliche, sondern auch eine vollwertige Ernährung für unsere Gesundheit ist. Zucker ist auf Dauer sogar doppelt negativ: Das Disaccharid zerfällt in Glukose, das den Blutzucker- und den Insulinspiegel erhöht, und in Fruktose, das bei einer Überernährung direkt in Leberfett umgesetzt wird und die Insulinresistenz fördert. Mit Zucker ist isolierter Zucker gemeint, der eine hohe Energiedichte hat und nur leere Kalorien liefert. Insbesondere die Kombination von Zucker mit Milch oder Fleisch erhöht auch die Insulinausschüttung (vgl. Insulin-Index) und wohl auch IGF-1 am stärksten.

Besonders negativ sind auch Softdrinks zu bewerten. Drake und Mitarbeiter (2012) konnten in einer schwedischen Studie nachweisen, dass schon eine Portion (330 ml) eines zuckerhaltigen Softdrinks das Risiko für ein aggressiveres, therapiebedürftiges Prostatakarzinom um 38 % erhöht.

Korrelation zwischen Prostatakrebsmortalität und Zuckerkonsum in 71 Ländern (aus: Colli und Colli, 2006)

 

Korrelation zwischen Prostatakrebsmortalität und Getreidekonsum in 71 Ländern (aus: Colli und Colli, 2006) 

Sonnenlicht liefert Vitamin D, viel Calcium senkt die Vitamin-D-Synthese

Normale Vitamin-D-Spiegel schützen vor Prostatakrebs, darauf weisen zahlreiche Untersuchungen hin. Milchprodukte sind der Hauptlieferant für Calcium in unserer Ernährung. Wie noch ausführlicher dargelegt wird, erhöht eine zu hohe Calciumzufuhr das Prostatakrebsrisiko. Ein möglicher Mechanismus: Calcium senkt u. a. die Eigensynthese von Vitamin D (Allen et al., 2008). Vitamin D steigert die Aufnahme von Calcium aus der Nahrung. Darüber hinaus mildert Vitamin D Entzündungsreaktionen (Ginanjar et al.; 2007) und schützt nach neuesten großen klinischen Studien vor Herz-Kreislauf- und besonders auch vor Krebserkrankungen wie kein anderes Vitamin (Lappe et al., 2007, Michos et al., 2008). Generell ist es daher sinnvoll, Sonne zu tanken und im Winter Vitamin D über Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen.

Eine Fallkontrollstudie mit 749 Patienten aus den USA zeigt, dass die Rolle von Vitamin D beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom nicht geklärt ist. Hohe Blutspiegel führen mögli­cher­weise zu einer Risikoerhöhung (Ahn et al., 2008). Dies ist durchaus möglich, da ein mutierter Androgenrezeptor nicht nur Androgene, sondern auch andere Steroide „verwerten“ kann.

Zusammenfassend zeigen die Beobachtungen, dass sowohl zu hohe (≥ 80 nmol/l) als auch zu niedrige (≤ 19 nmol/l) Vitamin D-Spiegel das Prostatakrebsrisiko erhöhen (Tuohimaa et al., 2004). Ein normaler Vitamin D-Spiegel liegt im Bereich von 75-150 nmol/l.

Fisch und Fischöl bei Prostatakrebs. Nützlich oder schädlich?

Diese wichtige, komplexe und ambivalente Thematik wird ausführlich im Menüpunkt „Omega-3-Fettsäuren“erörtert.

Die großen Studien zu diesem Thema (EPIC und Prostate Cancer Prevention Trial) lassen marine Omega-3-Fettsäuren in keinem guten Licht erscheinen. Hohe Serumwerte korrelieren positiv mit Prostatakrebs, insbesondere aggressivem Prostatakrebs.

Auch ein Übermaß an der Omega-3-Fettsäure ALA muss nicht zwingend gesund sein. In einer großen Studie aus Uruguay (De Stéfani et al., 2000) führte ALA zu einem 3,9-fach erhöhten Prostatakrebs-Risiko. Eine höhere Risikokorrelation bestand bei ALA aus tierischer Quelle, wie beispielsweise von Rindern aus Weidehaltung, als bei ALA aus pflanzlicher Quelle.

Fazit: Unser Körper braucht zwar Omega-3-Fettsäuren, doch wenn die körpereigenen Antioxidantienpools erschöpft sind und Omega-3-Fettsäuren oxidiert oder falsch zubereitet werden (Braten, Grillen, langes Erhitzen), verlieren sie nicht nur ihren Nutzen, sondern werden zu einer Gesundheitsgefahr. Viel hilft nicht immer viel, sondern schadet meistens.

Die ungesättigten Fettsäuren wie die Omega-6-Fettsäure Linolsäure (zweifach ungesättigt) oder die drei Omega-3-Fettsäuren alpha-Linolensäure (ALA, dreifach ungesättigt), Eicosapentaensäure (EPA, fünffach ungesättigt) und Docosahexaensäure (DHA, sechsfach ungesättigt) haben sehr oxidationsempfindliche Doppelbindungen. Mit der Anzahl der ungesättigten Doppelbindungen steigt die Oxidationsgefahr. Die Serum-Paraoxonase-1 (PON-1) spielt nicht nur eine wichtige Rolle zum Schutz vor Oxidationen von LDL-Cholesterin, sondern auch von ungesättigten Fettsäuren. Die PON-1-Aktivität wird durch Granatapfel-Polyphenole erhöht.

Wer Fischöl supplementieren möchte, sollte nur hochgereinigtes und damit schadstoffreduziertes Fischöl verwenden und es nur in moderaten Dosen supplementieren (max. 1 g DHA und EPA kombiniert). Dem Körper sollten zudem ausreichend antioxidative Nahrungsmittel zugeführt werden, welche der Oxidation der empfindlichen Fettsäuren entgegenwirken. Generell hat eine Überernährung den höchsten prooxidativen Effekt.

Besonders bei Omega-3-Fettsäuren ist auf eine sehr schonende Verarbeitung zu achten. Wer Omega-3-Fettsäure-reiche Lebensmittel (z. B. Leinöl, Hanf, Raps, Fisch, Fleisch von Tieren aus Weidenhaltung, Wild), unsachgemäß (zu hell, zu warm oder zu lange) lagert oder sie sogar – wie dies meist geschieht – brät, schmort, grillt oder räuchert, erzeugt besonders krebserregende Stoffe, wie z. B. Lipid-Peroxide. Dies könnte auch die Erklärung dafür sein, warum in einigen Studien ein erhöhter Verzehr von alpha-Linolensäure, insbesondere aus Fleisch von Rindern aus Weidehaltung (De Stéfani et al., 2000), mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko einhergeht (Brouwer et al., 2004; Leitzmann et al., 2004). Diese Omega-3-Fettsäure ist in der Verarbeitung besonders empfindlich, was leider weder in der Lebensmittelindustrie noch im Haushalt beachtet wird.

Diese Zusammenhänge bedeuten nicht, dass man auf Fisch ganz verzichten muss. Zwei Portionen im Rahmen einer gemüsereichen Ernährung in der Woche schaden nicht, sondern können möglicherweise nützen. Geräucherter Fisch sollte gemieden werden.

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